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Juli 11, 2022

Derealisation ist ein Gefühl der Trennung von der Außenwelt oder vom eigenen Körper und kann verschiedenste Ursachen haben. Was kann man dagegen tun?

Derealisation ist das Gefühl, von der unmittelbaren Umgebung getrennt zu sein, ohne dass damit eine Bewusstseinsveränderung oder eine Beeinträchtigung des Bewusstseins verbunden ist. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Depersonalisations- bzw. Derealisationsstörung, die nach den Kriterien der fünften Ausgabe des "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM-5) diagnostiziert wird.

Sie kann auch im Zusammenhang mit einer Reihe von weiteren medizinischen oder psychiatrischen Störungen bei betroffenen Personen auftreten sowie als Folge von Substanzmissbrauch oder auch ohne erkennbaren Grund. Die Erfahrung der Derealisation ist in der Regel nicht beunruhigend, aber sie kann es in stark ausgeprägten Fällen und je nach individuellem Empfinden sein.

Oft ist die Derealisation flüchtig, hält lediglich ein paar Minuten an und tritt nicht häufig auf. Sie kann aber auch immer wieder auftreten oder längere Zeit andauern, besonders wenn sie durch eine psychiatrische oder medizinische Erkrankung verursacht wird.

In diesem Artikel erfährst du,

  • in welchen Symptomen sich eine Derealisation äußert,
  • welche Ursachen für eine Derealisation in Frage kommen
  • und was du gegen eine Derealisation tun kannst.

Merkmale und Symptome einer Derealisation bzw. Depersonalisation

Derealisation kann als ein Gefühl beschrieben werden, dass deine Umgebung und die Ereignisse um dich herum Teil einer anderen Welt zu sein scheinen. Du hast in diesem Fall vielleicht das Gefühl, dass du selbst nicht Teil deiner Umgebung bist oder dass dir deine Umgebung wie ein Traum oder ein Film vorkommt, den du gerade siehst.

Einzelne Details können zwar ganz regulär wahrgenommen und als real erkannt werden, aber die Umgebung als Ganzes erscheint bei einer Derealisation plötzlich als unvertraut und fremd. Die Derealisation geht also mit einem Gefühl der Distanziertheit in Bezug auf dein Umfeld einher oder auch zu anderen Menschen, Gegenständen und Objekten um dich herum.

Weitere Merkmale

Eine wichtige Komponente der Derealisation ist auch, dass eine Person, die dieses Symptom hat, sich der Situation bewusst ist und Einsicht hat. Jemand, der unter Derealisation leidet, weiß, anders als ein Schizophrenie-Patient oder jemand, der an einer Psychose leidet, dass die Realität um ihn herum wirklich stattfindet und dass alles um ihn herum real ist, aber er fühlt sich nicht als Teil des Geschehens und erlebt die Dinge im Detail als unwirklich.

Wenn dieses Wahrnehmungserlebnis für Betroffene ein krankhaftes Ausmaß in Form einer psychischen Störung annimmt, spricht man auch von einem Depersonalisations-Derealisationssyndrom.

Veränderte Wahrnehmung der Umwelt und andere typische Symptome

Zu den weiteren häufigen Merkmalen der Derealisation gehört auch diese Gruppe von Symptomen:

  • Ein Gefühl der Distanzierung von der Umwelt
  • Das Gefühl, dass die Ereignisse nicht in Echtzeit stattfinden
  • Das Gefühl, dass Farben oder Geräusche nicht so sind, wie sie normalerweise sein würden
  • Das Gefühl, dass andere Menschen, Objekte oder allgemein die Umgebung zu klein oder zu groß, farb- oder leblos oder unwirklich sind
  • Das Gefühl, dass man selbst wie in Watte gepackt ist, der eigene Körper oder die eigene Person zu klein oder zu groß, roboterartig oder wie ferngesteuert ist

Derealisation ist dabei nicht dasselbe, wie ein Gefühl der emotionalen Losgelöstheit. Es ist auch etwas anderes als das Gefühl, von anderen ausgeschlossen worden zu sein. Dieser Zustand unterscheidet sich ebenfalls von einer lebhaften Fantasie, Träumen oder Halluzinationen, die Unterschiede sind hier jedoch oft fließend.

Diagnose von Depersonalisations-Derealisationssyndrom

Ein Depersonalisations-Derealisationssyndrom kann verschiedenste Ursachen und Symptome haben und es bedarf einer ausführlichen Diagnostik durch einen Experten, um den Krankheitswert und das Ausmaß der Derealisation festzustellen.

Sprich daher unbedingt mit deinem Arzt, wenn du die oben genannten Symptome oder ähnliches regelmäßig bei dir selbst bemerkst und diese zu einer Belastung für dich werden. Mit einer professionellen Untersuchung kannst du eine Diagnose und Behandlung der Erkrankung erhalten, die deine Derealisation verursacht.

Die Ursachenforschung ist hier sehr wichtig, bevor weitere Schritte wie eine Verhaltenstherapie oder Medikamente angesetzt werden. Wenn die Derealisation Teil eines psychiatrischen Problems ist, kann sie immer wieder auftreten, aber wenn sie beispielsweise eine Medikamentenwirkung ist oder in Verbindung mit einer Krankheit auftritt, kann sie sich auflösen, wenn die medizinische Situation behoben ist, und es ist unwahrscheinlich, dass sie in diesem Fall erneut auftritt.

Diagnostik und weitere Untersuchungen

Dein Gesundheitsdienstleister wird dich für eine genaue Diagnostik nach deinen Symptomen, allen eventuell damit verbundenen Krankheiten oder Auslösern, deiner medizinischen und psychiatrischen Vorgeschichte, den von dir eingenommenen Medikamenten und deiner Familienanamnese fragen. Du wirst auch körperlich untersucht, einschließlich einer neurologischen und psychischen Untersuchung. Dein Arzt wird mit dir im Normalfall auch über deine momentane Lebensqualität und deine Wahrnehmungserlebnisse sprechen und wie sich diese auf dich und deinen Alltag auswirken.

Wenn die Diagnose auf der Grundlage dieser Untersuchung nicht eindeutig ist, werden möglicherweise weitere Tests durchgeführt, wie zum Beispiel:

  • Blutuntersuchungen
  • Urinuntersuchungen
  • Bildgebende Untersuchungen des Gehirns
  • Elektroenzephalogramm (EEG)

Deine Blut- und Urinuntersuchungen können auch Tests beinhalten, mit denen Substanzen nachgewiesen werden können, die deine Symptome verursachen könnten.

Um das Vorliegen eines Depersonalisations-Derealisationssyndroms zu bestätigen, muss laut ICD-10-Klassifikation mindestens eines der beiden Symptome vorliegen, sprich eine Depersonalisation oder Derealisation.

Ursachen und Auslöser für ein Derealisationserleben

Es gibt eine ganze Reihe von Ursachen für die Derealisation. Sie kann beispielsweise durch psychiatrische Störungen, neurologische Erkrankungen oder Reaktionen auf überwältigenden Stress verursacht werden. Sie kann auch mit chronischer Müdigkeit verbunden sein (1).

Derealisation ist ein wichtiger Bestandteil der Derealisations- und Depersonalisationsstörung, einer dissoziativen Störung, die durch ein wiederkehrendes Gefühl der Derealisation und/oder Depersonalisation (das Gefühl, außerhalb deines Selbst oder deines Körpers zu sein) beim Patienten gekennzeichnet ist. Derealisation und Depersonalisation müssen nicht unbedingt gleichzeitig auftreten, damit diese Störung diagnostiziert werden kann (2), doch es muss, wie bereits beschrieben, mindestens eines der Symptome vorliegen, um diese Diagnose stellen zu können.

Zu den Erkrankungen, die mit Derealisation in Verbindung gebracht werden, gehören:

Obwohl Derealisation keine Bewusstseinsveränderung ist, kann sie manchmal bei Zuständen auftreten, die deinen Bewusstseinszustand beeinflussen. Sie kann zum Beispiel vor oder während einer Migräne oder eines Krampfanfalls auftreten oder wenn du ein Narkosemittel bekommst.

Derealisation kann durch vorübergehende oder zugrunde liegende Veränderungen der Gehirnfunktion entstehen. Und sie kann laut Psychologie auch eine unbewusste Art sein, dich gegen Ängste, Konflikte und andere schwierige Erlebnisse oder Traumata zu wehren.

Physiologische Ursachen

Es gibt mehr als eine physiologische Ursache für Derealisation und diese stehen meist in Beziehung zueinander. Sie kann zum Beispiel durch Veränderungen in der Aktivität bestimmter Hirnregionen entstehen.

Die Derealisation kann unter anderem auch mit Schwindelgefühlen einhergehen, die durch eine Funktionsstörung des Innenohrs verursacht werden. Und auch die Stimulation der Bogengänge im Ohr kann kurzzeitig Symptome der Derealisation auslösen (5).

Der Zustand der Derealisation kann auch mit einer Störung der Hirnfunktion einhergehen, zum Beispiel vor einem Anfall oder als Folge von Drogenwirkungen auf das Gehirn (4). Eine Derealisation ist jedoch nicht immer mit einer erkennbaren Störung der Hirnfunktionen verbunden (6).

Was tun - mögliche Therapien

Die Behandlung von Derealisation kann notwendig sein, wenn sie wiederkehrend auftritt und Stress und Probleme mit deiner allgemeinen Gesundheit verursacht. Manchmal ist die Behandlung von Derealisation Teil der umfassenden Behandlung von Erkrankungen wie Ängsten, PTBS oder anderen psychiatrischen Erkrankungen oder medizinischen Problemen wie einer Innenohrstörung.

In der Regel wird das Symptom nicht speziell mit Medikamenten behandelt, die über die Medikamente hinausgehen, die zur Behandlung einer zugrundeliegenden Störung wie Depression oder Epilepsie eingesetzt werden.

Die Depersonalisations-/Derealisationsstörung wird in der Regel mit Ansätzen wie Psychotherapie und Verhaltensmanagement behandelt, um eine Verbesserung zu bewirken oder das Problem vollständig zu beseitigen (2).

Psychotherapie

Die Psychotherapie kann eine Vielzahl von Techniken umfassen und sowohl kognitive, verhaltenstherapeutische als auch psychodynamische Ansätze beinhalten.

Wenn sich die Derealisation als Reaktion auf schweren Stress entwickelt, wie zum Beispiel bei einer PTBS, kann sie als eine Methode der "Selbstbehandlung" betrachtet werden, um mit traumatischen Ereignissen und schwierigen Gefühlen fertig zu werden und dich von ihnen zu distanzieren - zum Beispiel von der Erinnerung an traumatische Ereignisse in deiner Kindheit oder von deinen aktuellen Erfahrungen mit traumatischen Erlebnissen (3).

In solchen Situationen kann sich die Therapie darauf konzentrieren, effektivere Wege zur Bewältigung deines zugrunde liegenden Traumas zu finden. Manchmal geht es in der Therapie auch darum, dich von einer schädlichen Situation zu lösen, wie beispielsweise bei Missbrauch.

Hier hat die jeweilige Therapiemethode dann vor allem zum Inhalt, die mit den traumatischen Erfahrungen verbundenen Gefühle aufzuarbeiten und dir deine eigenen Themen ins Bewusstsein zu holen - denn nur was dir bewusst ist, kannst du auch verarbeiten. So kann sich nach und nach auch dein Erleben von Depersonalisation und/oder Derealisation verringern oder ganz verschwinden.

Weitere Informationen hierzu erhältst du bei deinem Arzt oder direkt bei einem Psychotherapeuten.

Bewältigung

Wenn du aufgrund wiederkehrender oder längerer Derealisationsschübe unter Stress leidest, ist es wichtig, dass du dir medizinische Hilfe suchst. Sobald du eine Diagnose erhalten hast und die Ursache deines Problems kennst, kannst du mit deinem Arzt zusammenarbeiten, um die beste Behandlung zu erhalten.

Wenn deine Derealisationssymptome gut unter Kontrolle sind und dann wieder auftreten, solltest du deinen Arzt informieren und deinen Behandlungsplan überdenken oder möglicherweise ändern.

Auch bei akut auftretenden Symptomen solltest du im Notfall nicht zögern, und deinem Umfeld Bescheid geben oder einen Arzt aufsuchen, damit du dich selbst und andere zum Beispiel im Straßenverkehr oder bei anderen Tätigkeiten nicht gefährdest durch deine für den Moment verzerrte Wahrnehmung.

Mein Fazit

Die Derealisation ist ein Gefühl der Distanz und des "nicht real seins" der Umwelt oder des eigenen Selbst, das in der Regel jeder von uns schon einmal erlebt hat. Werden diese Zustände allerdings zu einer Regelmäßigkeit, die dich und deinen Alltag einschränken und dich belasten, solltest du Ursachenforschung betreiben und dir Hilfe suchen.

Im Unterschied zu anderen Wahrnehmungsstörungen wie Halluzinationen und ähnlichem ist dir bei einem Derealisationserleben zwar bewusst, dass das gerade nicht die Realität ist, doch diese Veränderung deiner Wahrnehmung kann auf Dauer sehr belastend sein, wenn sie chronisch wird.

Sprich daher in diesem Fall unbedingt mit deinem Arzt und lass dich untersuchen, wenn du Symptome eines möglichen Depersonalisations-Derealisationssyndroms an dir beobachtest. Die oben aufgeführten Symptom-Beispiele können dir dabei eine erste Orientierung sein.

Mit professioneller Hilfe an deiner Seite, kannst du dann die Problematik Stück für Stück in den Griff bekommen und eine spürbare Verbesserung bewirken.

Quellen

  1.  Tibubos AN, Grammes J, Beutel ME, Michal M, Schmutzer G, Brähler E. Emotion regulation strategies moderate the relationship of fatigue with depersonalization and derealization symptoms. J Affect Disord. 2018 Feb;227:571-579. doi:10.1016/j.jad.2017.11.079
  2. Michal M, Adler J, Wiltink J, Reiner I, Tschan R, Wölfling K, Weimert S, Tuin I, Subic-Wrana C, Beutel ME, Zwerenz R. A case series of 223 patients with depersonalization-derealization syndrome. BMC Psychiatry. 2016 Jun 27;16:203. doi:10.1186/s12888-016-0908-4
  3. Choi KR, Seng JS, Briggs EC, Munro-Kramer ML, Graham-Bermann SA, Lee RC, Ford JD. The dissociative subtype of posttraumatic stress disorder (PTSD) among adolescents: Co-occurring PTSD, depersonalization/derealization, and other dissociation symptoms. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2017 Dec;56(12):1062-1072. doi:10.1016/j.jaac.2017.09.425
  4. Heydrich L, Marillier G, Evans N, Seeck M, Blanke O. Depersonalization- and derealization-like phenomena of epileptic origin. Ann Clin Transl Neurol. 2019 Sep;6(9):1739-1747. doi:10.1002/acn3.50870
  5. Aranda-Moreno C, Jáuregui-Renaud K. Derealization during utricular stimulation. J Vestib Res. 2016;26(5-6):425-431. doi:10.3233/VES-160597
  6. Krause-Utz A, Frost R, Winter D, Elzinga BM. Dissociation and alterations in brain function and structure: Implications for borderline personality disorder. Curr Psychiatry Rep. 2017 Jan;19(1):6. doi:10.1007/s11920-017-0757-y
  7. https://www.verywellhealth.com/derealization-5096820

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Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit meiner Frau, unserer Tochter und unserem Hund im Süden Deutschlands. Mehr Infos über mich kannst du hier nachlesen.

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