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Von Andreas 

Januar 12, 2021

Beim Absetzen von Mirtazapin kann es zu starken Entzugserscheinungen kommen – so wie beim Absetzen von anderen Antidepressiv. Das passiert meistens dann, wenn man die Dosis zu schnell und in zu großen Schritten reduziert.

Durch ein langsames Ausschleichen - kleine Dosisreduktionen über einen längeren Zeitraum – gelingt es meistens, die Nebenwirkungen des Entzugs in Schach zu halten. Außerdem minimierst Du damit das Risiko eines Rückfalls.

Genauso habe auch ich mein Mirtazapin erfolgreich abgesetzt.

Das kostet zwar Zeit und Geduld, aber so gibst Du Deinem Körper und Gehirn mehr Zeit, sich anzupassen. Dann kann es auch mit einer geringeren Dosis Mirtazapin – bzw. ganz ohne Mirtazapin – auskommen.

Rückfallrisiko: bevor Du mit dem Absetzen beginnst …

… solltest Du Dich mindestens 3 Monate, noch besser 6 Monate gut fühlen und „symptomfrei“ sein. Ansonsten ist dein Rückfallrisiko erhöht.

Falls Du Mirtazapin länger als ein Jahr lang eingenommen hast, schlage ich vor, dass Du sogar mindestens 6-9 Monate lang symptomfrei bist. Dies – zusammen mit einem langsamen Ausschleichen – hilft Dir, einen Rückfall zu vermeiden.

Dauer des Absetzens abhängig von vielen Faktoren

Mirtazapin bleibt nach dem kompletten Absetzen noch mehrere Tage in unserem Körper. Folgende Faktoren, die beeinflussen, wie schnell unsere Körper Mirtazapin abbaut, spielen hier eine Rolle:

  • Genetische Komponenten, v.a. Leberabbauenzyme
  • Funktion Deiner Leber und Niere
  • Maximale Dosis, die Du eingenommen hattest
  • Evtl. Einnahme anderer Medikamente

Ein langsames Absetzen von Mirtazapin (Ausschleichen) kann sich über mehrere Monate hinziehen. Die genaue Länge hängt davon ab, wie lange Du Mirtazapin eingenommen hast und in welcher (Maximal-)Dosis.

Je länger die Therapie mit Mirtazapin ging und je höher die Dosis gewesen ist, desto länger solltest Du Dir auch Zeit für den Entzug geben. Hierbei ist es auch ganz wichtig, dass Du darauf achtest, wie Dein Körper und Deine Psyche auf den Entzug reagieren. 

Das Ganze hat auch eine sehr große individuelle Komponente. Während manche Menschen schneller reduzieren können, müssen andere besonders langsam machen.

So wirkt Mirtazapin

Mirtazapin ist ein Medikament, welches zur Klasse der tetrazyklischen Antidepressiva gehört. Diese Medikamentengruppe wird zur Behandlung von Depressionen eingesetzt und zählt zu den Nachfolgern von trizyklischen Antidepressiva.

Es kommt gegen Depressionen, Zwangsstörungen und Angststörungen zum Einsatz (6). Aufgrund seiner schlafanstoßenden Wirkung ist es auch ein beliebtes Medikament gegen Schlafstörungen (7).

Es verhindert in unserem Gehirn die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Noradrenalin (Norepinephrin) und Serotonin. Dadurch steigt der Spiegel dieser beiden Botenstoffe in unserem Gehirn an, wodurch die Wirkung von Mirtazapin zustande kommt.

Eine der häufigsten Nebenwirkungen von Mirtazapin ist eine bisweilen extreme Gewichtszunahme (5). Das Hunger- und Sättigungsgefühl normalisiert sich nach dem Absetzen zwar wieder, doch bis dahin haben sich häufig einige überschüssige Kilos an zusätzlichem Gewicht „angesammelt.“

Typische Absetzsymptome von Mirtazapin

Nach einer gewissen Einnahmedauer – oft schon nach wenigen Tagen - haben sich unser Körper und Gehirn an Mirtazapin gewöhnt.

Ja, man kann schon sagen, dass sich eine gewisse Abhängigkeit eingestellt hat – obwohl immer wieder behauptet wird, Antidepressiva würden nicht abhängig machen. Das stimmt so einfach nicht, ansonsten könnte man sie problemlos von heute auf morgen absetzen, was natürlich nicht der Fall ist.

Bei einem solchen kalten Absetzen („kalter Entzug“) hättest Du aller Voraussicht nach wohl sehr starke bis „höllische“ Absetzsymptome, die bis zu mehreren Wochen anhalten können. Wie lange genau, das können zwei Wochen, vier Wochen oder auch acht Wochen oder mehr sein.

Das Absetzen von Mirtazapin im kalten Entzug kann man sehr schwer durchhalten – ist also auf keinen Fall empfehlenswert, sondern einfach nur fahrlässig! Ein kalter Entzug ist in nur seltenen Fällen – wie z.B. sehr starke allergische Reaktionen oder paradoxe Wirkung – angesagt und sollte dann am besten stationär in einer Klinik erfolgen.

Durch ein langsames Ausschleichen kannst Du im Folgenden genannten Entzugssymptome stark verringern - wenn nicht sogar ganz vermeiden.

Folgende Beschwerden können beim Absetzen von Mirtazapin vorkommen (Studie 1):

  • Appetitstörungen, sprich Veränderungen im Hunger- und Sättigungsgefühl
  • Schwindel
  • Verstärktes Schwitzen
  • Zittern
  • Reizbarkeit bis hin zur Aggressivität
  • Kopfschmerzen
  • Angstzustände und Panikattacken
  • Depression
  • Erschöpfung
  • Schlaflosigkeit

In einem Einzelfall wurde auch eine Manie mit dem Absetzen von Mirtazapin in Verbindung gebracht (4).

Absetzsyndrom vs. Rückfall

Besonders die Symptome Ängste, Panikattacken, Depressionen und Schlaflosigkeit sehe ich persönlich sehr kritisch. Denn das sind auch genau die Symptome, weswegen man Mirtazapin überhaupt erst einnimmt.

Und so denken viele, sie hätten einen Rückfall, obwohl es eigentlich nur die Absetzsymptome sind, die schnell wieder verschwinden. In extremen Fällen können sogar Selbstmordgedanken als Folge des Absetzens auftreten. Deswegen sollten Patienten das Absetzen von Antidepressiva auch unbedingt mit ihrem behandelnden Arzt absprechen.

Auch Deine Familie oder Freunde sollten Bescheid wissen, dass Du gerade beim Absetzen von Mirtazapin bist. So können sie deine Verhaltensänderungen besser einordnen und auch ein Auge auf Dich haben. Ich hoffe auch, ich konnte Dich darin bestärken, das Absetzen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Einen echten Rückfall erkennst Du übrigens daran, dass die Symptome eher verzögert eintreten und sich eher schrittweise verschlimmern. Die Absetzsymptome treten dagegen relativ rasch innerhalb weniger Tage nach einer Dosisreduktion (oder komplettem Absetzen) ein und verbessern sich schnell wieder. Leider ist auch eine Mischung aus beiden möglich.

Die Halbwertszeit von Mirtazapin

Die Halbwertszeit eines Medikamentes gibt an, wie lange es dauert, bis die Hälfte vom Körper abgebaut ist.

Sie hängt, wie oben erwähnt, von mehreren Faktoren ab. Meist beträgt sie zwischen 20 und 40 Stunden. Gelegentlich werden auch längere Halbwertszeiten bis zu 65 Stunden gemessen (3).

Geht man bei einem kompletten Absetzen von aufgerundet 48 Stunden = 2 Tage Halbwertszeit aus, bedeutet dass:

Nach 2 Tagen ist noch die Hälfte des Mirtazapins im Körper, nach 4 Tagen ein Viertel und es dauert 6 Tage, bis nur noch ein Achtel davon übrig ist. Oder 10% nach einer Woche.

Wie lange dauert das Absetzen von Mirtazapin?

Da eine längere Einnahme von Mirtazapin unsere Hirnchemie nachhaltig verändert, braucht unser Gehirn nach dem Absetzen genügend Zeit, sich an die neue Situation wieder anzupassen.

Je nachdem wie lange Du Mirtazapin genommen hast und in welcher Dosis, (7,5mg, 15mg, 30mg oder 45mg) und wie Du auf die einzelnen Dosisreduktionen reagierst, kann das Ausschleichen mehrere Monate dauern.

Wenn Du langsam ausschleichst, sollten die Absetzsymptome jedoch gut erträglich sein. Und nach dem letzten Schritt (komplettes Absetzen) solltest Du nicht länger als 30 Tage Absetzsymptome haben.

In meinen Artikel Antidepressiva absetzen erfährst Du noch genauer, wie Du als Patient am besten beim Absetzen von Antidepressiva vorgehst. Denn das prinzipielle Verfahren ist bei allen Antidepressiva gleich.

Wie schnell absetzen: Faustregel 20% pro Monat

Eine Dosisreduktion von 20% pro Monat ist eine gute Faustregel. Aber noch wichtiger ist es, dass Du darauf achtest, wie Du, Dein Körper bzw. Dein Gerhirn und Deine Psyche darauf reagiert. Um - falls notwendig – die Geschwindigkeit des Absetzens von Mirtazapin „drosseln“ zu können.

Tipp: Um die folgenden "Zwischendosierungen" gut hinzubekommen, empfiehlt sich der Einsatz eines Pillenschneiders und einer Präzisionswage. Alternativ kommt auch die Wasserlösemethode zum Einsatz. Sie wird im Forum adfd.org sehr gut beschrieben.

Bei einer Dosis von 45 mg könnte ein Absetzplan beispielsweise so aussehen:

  1. Monat: 45 mg
  2. Monat: 36 mg
  3. Monat: 29 mg
  4. Monat: 23 mg
  5. Monat: 18 mg
  6. Monat: 14 mg
  7. Monat: 11 mg
  8. Monat: 9 mg
  9. Monat: 7 mg
  10. Monat: 5 mg
  11. Monat: 3 mg
  12. Monat: 2 mg
  13. Monat: 1 mg

Bei einer Dosisreduktion beginnend mit lediglich 15 mg könntest Du im ersten Monat auf 13 mg und im zweiten Monat auf 11 mg runtergehen und dann wie im Plan beschrieben weitermachen.

Bitte beachte: dies ist nur ein Vorschlag, der Dich dazu motivieren sollte, dies wirklich als ein langfristiges Projekt anzusehen. Falls Du Mirtazapin nur für kurze Zeit eingenommen hast, kann auch eine schnellere Reduktion erfolgreich sein.

Wie Du mit den Nebenwirkungen des Absetzens am besten umgehst

Zu den häufigen Nebenwirkungen beim Absetzen von Mirtazapin gehören Schlaflosigkeit (gefolgt von Müdigkeit am Tag), Übelkeit, Gereiztheit, Muskelschmerzen. Auch die depressive Verstimmung selbst ist eine häufige Nebenwirkung.

Die beste Möglichkeit, mit den Nebenwirkungen „umzugehen“ ist eigentlich, sie im Voraus so gut wie möglich zu vermeiden. Das geht wirklich nur durch ein entsprechend langsames Absetzen – auch wenn ich mich hier wiederhole.

Ich kenne auch viele Menschen, denen CBD-Öl beim Absetzen von Mirtazapin geholfen hat. Ich habe selbst positive Erfahrungen mit der Einnahme von CBD-Öl gemacht.

Die Erfahrungen anderer beim Versuch, Mirtazapin abzusetzen

Auf Sanego (8) findest Du viele Berichte von Mirtazapin-Anwendern, die von ihren Absetzsymptomen berichten:

  1. "Ich versuche bereits seit 1 1/2 Jahren von dem Medikament loszukommen. Es hat sehr starke Absetzerscheinungen, die selbst durch langsames Ausschleichen nicht vermieden werden können" (8)
  2. "Schlimme Absetzerscheinungen, die auch nach 1 Woche nicht aufhörten." (8)
  3. "Habe einfach das Gefühl, dass ich mein Leben ohne Medikament überhaupt nicht mehr in den Griff bekomme Absetzerscheinungen wegen. Allgemeine Empfehlung: Ja, aber Absetzungsproblematik!!!!" (8)

Das solltest Du während des Absetzens vermeiden

In der Zeit, in der Du Mirtazapin absetzt, solltest Du bestimmte Medikamente vermeiden. Hierzu zählen Antidepressiva wie MAO-Inhibitoren, SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und andere Medikamente, die müde oder schläfrig machen können.

Auch Alkohol und andere Drogen solltest Du so gut wie möglich vermeiden.

Fazit

Beim Absetzen von Mirtazapin gelten im Allgemeinen die gleichen Regeln wie beim Absetzen von allen Antidepressiva: so langsam wie nötig, um die Intensität der Absetzsymptome sowie das Risiko eines Rückfalls so gut wie möglich zu minimieren.

Du kannst Deinen ersten Absetzplan mit einer monatlichen Reduktion von 20% aufstellen. Eine Anpassung dieses Absetzplans an deine bisherigen Erfahrungen kann aber notwendig und sinnvoll sein.

Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas Humbert, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit meiner Frau, meiner Tochter und unserem Havaneser in der Pfalz. Mehr Infos über mich kannst Du hier nachlesen.

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