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November 5, 2022

Ritzen bedeutet, sich mit scharfen Gegenständen selbst zu verletzen. Doch was sind die Hintergründe und was können Betroffene dagegen tun?

Es gibt nur wenige Dinge, die für Mütter und Väter beunruhigender sind, als herauszufinden, dass sich ihr Kind absichtlich selbst verletzt. Leider kommt selbstverletzendes Verhalten, das man auch mit dem Wort Ritzen benennt, sehr häufig vor, besonders bei Mädchen. Experten sprechen von "Selbstverletzung", und bis zu einem Viertel aller Teenager tut das.

Die häufigste Form der Selbstverletzung ist das Ritzen oder Schneiden der Haut mit allem, was scharf ist: mit Rasierklingen, Messern, Nadeln, Scheren oder sogar Büroklammern und Stiftkappen. Oft fangen die selbstverletzenden Handlungen in der Pubertät an.

Wenn eine Person die Angewohnheit entwickelt, sich in die Arme zu ritzen, sieht das vielleicht wie Selbstmord aus, ist es aber eigentlich nicht. Menschen, die sich selbst verletzen, wollen sich nicht umbringen, sondern versuchen, ihren emotionalen Schmerz zu lindern. Das Verhalten deutet jedoch auf einen tiefen seelischen Schmerz hin, der zu einem Selbstmordversuch führen könnte. Das Verhalten ist auch deshalb gefährlich, weil sich Menschen, die sich selbst verletzen, schwerer verletzen als beabsichtigt oder Infektionen sowie andere medizinische Komplikationen auftreten können.

Den Drang zur Selbstverletzung besser verstehen

Es ist schwer zu verstehen, warum sich jemand absichtlich selbst verletzen will oder warum diese Verletzung eine Erleichterung darstellt, wie viele Betroffene, meist Jugendliche, es beschreiben. Manche Menschen berichten, dass es ihnen als Ablenkung von einem anderen intensiven emotionalen Schmerz dient, sagt Ron Steingard, MD, Psychiater am Child Mind Institute.

Andere verletzen sich selbst, weil sie sich innerlich abgestumpft fühlen.

"Sie haben sich wegen der Ereignisse in ihrem Leben so sehr eingeengt, dass sie das Gefühl haben, überhaupt nichts mehr fühlen zu können", sagt Dr. Steingard. "Also verletzen sie sich selbst, um etwas zu fühlen."

In manchen Fällen kann Selbstverletzung auch ein Mittel der Kommunikation sein, ein Hilferuf der Seele. Wenn ein Jugendlicher beim Schneiden erwischt wird, löst das bei Eltern und anderen Erwachsenen wahrscheinlich Mitgefühl und Besorgnis aus. Wenn sie sich das nächste Mal verzweifelt fühlen, könnten sie sich selbst verletzen, um ihre Gefühle zu zeigen.

Ein Weg zur Bewältigung

Aber Selbstverletzung ist nicht immer eine Form der Kommunikation. Manche Kinder machen ein großes Geheimnis um ihre Angewohnheit und konzentrieren sich nur darauf, ihren eigenen Schmerz zu lindern, ohne diesen zu teilen. Mediziner nennen dieses Krankheitsbild ein maladaptives Bewältigungsinstrument: Auch wenn Selbstverletzung nicht der beste Weg ist, ein Problem zu bewältigen, kann sie vorübergehend Erleichterung bringen.

Leider macht diese Erleichterung das selbstverletzende Verhalten manchmal so stark, dass Kinder sich auf diesen Mechanismus verlassen, um mit ihren schmerzhaften Gefühlen fertig zu werden. Und je länger sie sich selbst verletzen, desto stärker wird der Drang bzw. die Sucht nach den Schmerzen.

Warnzeichen, die auf Ritzen hindeuten

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind sich selbst verletzt, du dir aber nicht sicher bist, dann solltest du auf diese Anzeichen an:

  • Reden über Selbstverletzungen
  • Verdächtig aussehende Narben
  • Wunden, die nicht heilen oder schlimmer werden
  • Schnitte an der gleichen Stelle
  • Vermehrte Isolation
  • Sammeln von scharfen Werkzeugen wie Glasscherben, Sicherheitsnadeln, Nagelscheren usw.
  • Tragen von langärmeligen Hemden bei warmem Wetter
  • Vermeiden von sozialen Aktivitäten
  • Das Tragen von vielen Pflastern
  • Weigerung, in die Umkleidekabine zu gehen oder sich in der Schule umzuziehen

Mögliche Auslöser

Der Drang eines Teenagers, sich in Form des Ritzen selbst zu verletzen, wird fast immer durch ein bestimmtes Ereignis in seinem Leben ausgelöst. Der häufigste "Auslöser" für das Schneiden ist das Gefühl der Ablehnung: durch ein romantisches Interesse, durch enge Freunde oder durch das allgemeine Gefühl, ausgeschlossen oder kritisiert zu werden.

Schneiden kann auch ein Nachahmungsverhalten sein, das durch Videos und Bilder inspiriert wird, die andere Menschen beim Schneiden zeigen.

Hilfe bei Selbstverletzungen

Wenn du feststellst, dass ein Kind sich selbst verletzt hat, auch wenn es sagt, dass es eine einmalige Sache war, ist es wichtig, Hilfe zu holen. Es stimmt zwar, dass Kinder mit Selbstverletzungen experimentieren, vor allem wenn sie Freunde haben, die das auch tun, aber es ist ein ernstes und gefährliches Verhalten, und du solltest nicht ignorieren, dass es sich um ein echtes psychisches Problem handeln könnte. Hier sind einige Möglichkeiten:

  • Bewertung: Zunächst solltest du dein Kind von einer erfahrenen psychologischen Fachkraft untersuchen lassen, um herauszufinden, was die Gründe für die Selbstverletzung sind und welche emotionalen Schwierigkeiten in diesem konkreten Fall vorliegen.
  • Dialektische Verhaltenstherapie (DBT): Eine sehr empfehlenswerte Behandlung ist die DBT, bei der ein Psychologe mit deinem Kind daran arbeitet, dass es lernt, unangenehme Gefühle, Wut, Angst und Ablehnung zu ertragen, ohne zum Schneiden zu greifen.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Bei der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) bringt ein Psychologe deinem Kind bei, negative, belastende Gedanken zu hinterfragen, das Muster zu erkennen und zu trainieren, außerhalb dieses Musters zu denken. In vielen Fällen, vor allem bei Teenagern, ist diese Behandlung sehr erfolgreich.
  • Familientherapie: Wenn zu Hause etwas passiert - Streit, Arbeitsplatzverlust, ein Todesfall -, das die Ursache für die emotionalen Probleme deines Kindes sein könnte, ist eine Familientherapie eine gute Möglichkeit, mit der Behandlung zu beginnen.
  • Medikamente: Wenn die Selbstverletzung ein Symptom einer anderen psychischen Erkrankung, verschreibt der Arzt oder die Ärztin oft Medikamente zur Behandlung dieser psychischen Störung. Die Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie ist sehr erfolgreich bei der Behandlung von Kindern, die sich selbst verletzen.

Schließlich empfiehlt Dr. Steingard, dass die Familien versuchen, offen und unterstützend zu sein. "Es ist sehr schwer, sich in dieses Verhalten hineinzuversetzen und es nachzuempfinden. Aber man kann nicht einfach damit aufhören; man muss es verstehen."

Quellen


Würdest du gerne persönlich mit mir sprechen? Dann kannst du hier einen Termin mit mir ausmachen, in dem wir unsere Erfahrungen austauschen können.

Schnelle Hilfe?

Falls du Selbstmordgedanken hast und akut Hilfe brauchst: Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222) sind rund um die Uhr für dich erreichbar. Weitere Hilfsangebote findest du hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/



Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit meiner Frau, unserer Tochter und unserem Hund im Süden Deutschlands. Mehr Infos über mich kannst du hier nachlesen.

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