Was ist Systematische Desensibilisierung (Systematic Desensitization) und wie funktioniert sie im Detail? Das erfährst du hier.

Die systematische Desensibilisierung ist eine Form der Expositionstherapie, die auf dem Prinzip der klassischen Konditionierung beruht. Sie wurde in den 1950er Jahren von dem Psychiater und Psychotherapeut J. Wolpe entwickelt.

Diese Form der Verhaltenstherapie zielt darauf ab, die Angstreaktion einer Phobie zu beseitigen und durch Gegenkonditionierung schrittweise den konditionierten Stimulus durch eine Entspannungsreaktion zu ersetzen.

Der Klient wird gegenkonditioniert, d.h. ihm wird eine neue Assoziation beigebracht, die dem ursprünglich erlernten Verhalten entgegenwirken soll. Die neue Reaktion, die der Patient lernt, ist Entspannung statt Angst (Achtsamkeit), denn Angst und Entspannung können nicht nebeneinander bestehen (reziproke Hemmung).

Es wird eine sogenannte Desensibilisierungshierarchie erstellt, durch die sich der Patient durcharbeitet, indem er sich jedes angstauslösende Ereignis vorstellt, während er die Entspannungsverfahren anwendet.

Die Anzahl der erforderlichen Sitzungen hängt von der Schwere der Phobie ab. In der Regel sind es 4-6 Sitzungen notwendig, bei einer schweren Phobie oder starken Ängsten bis zu 12. Die Therapie ist abgeschlossen, wenn die vereinbarten Therapieziele erreicht sind (nicht unbedingt, wenn die Ängste der Person vollständig beseitigt wurden).

Die Exposition bzw. Konfrontation kann dabei auf zwei Arten durchgeführt werden:

  1. In vitro - der Klient stellt sich vor, dem phobischen Reiz ausgesetzt zu sein.
  2. In vivo - der Klient wird tatsächlich dem phobischen Reiz ausgesetzt.

Untersuchungen der Psychologie haben ergeben, dass In-vivo-Techniken erfolgreicher sind als In-vitro-Techniken (Menzies & Clarke, 1993). Es kann jedoch praktische Gründe geben, warum nur in vitro eingesetzt werden kann.

In diesem Artikel erfährst du,

  • wie das genaue Vorgehen bei der systematischen Desensibilisierung ist,
  • wozu sie eingesetzt werden kann,
  • welche Schritte in welcher Abfolge bei dieser Form der Konfrontationstherapie durchgeführt werden,
  • warum das Entspannungstraining so wichtig ist
  • und die Einordnung der Wirksamkeit.

Über mich


Hallo,
mein Name ist Andreas und ich bin 41 Jahre alt. Ich litt jahrelang unter einer Angststörung mit Panikattacken, Depressionen und Zwangsverhalten.

Auf meinem Blog berichte ich über meine persönlichen Erfahrungen meiner (mittlerweile überwundenen) Erkrankungen. Du findest hier aber auch gut recherchierte objektive Artikel zu den Themen Angst und Unruhe, Panik und Depression.

Falls Du mehr über mich erfahren möchtest und was mir persönlich am meisten geholfen hat, kannst Du das hier nachlesen.

Die systematischen Desensibilisierung als Mehr-Phasen-Prozess

Die Behandlung besteht aus drei Phasen:

  1. Zunächst werden dem Patienten eine Tiefenmuskelentspannungstechnik und Atemübungen beigebracht. Dazu gehören z. B. die Kontrolle über die Atmung, Muskelentspannung oder Meditation. Dieser Schritt ist sehr wichtig wegen der reziproken Hemmung, bei der eine Reaktion gehemmt wird, weil sie mit einer anderen nicht vereinbar ist. Im Fall von Phobien sind Ängste mit Anspannung verbunden und Anspannung ist - auch in Angstsituationen - mit Entspannung unvereinbar.
  2. Zweitens erstellt der Patient eine Angsthierarchie, die mit den Reizen beginnt, die am wenigsten Angst (Furcht) auslösen, und sich schrittweise bis zu den am meisten Angst auslösenden Bildern hocharbeitet. Diese Liste ist sehr entscheidend, denn sie gibt der Therapie eine Struktur.
  3. Drittens arbeitet sich der Patient in der Angsthierarchie - man spricht auch von der Angstleiter - nach oben, indem er mit den am wenigsten unangenehmen Reizen beginnt und dabei seine Entspannungstechnik zum Abbau der Ängste ein übt.

Wenn er sich damit wohl fühlt (und die Angstsymptome nachgelassen haben), geht er zur nächsten Stufe der Hierarchie über. Wenn die Angst zu stark wird, kann der Patient auch wieder zu einer früheren Stufe zurückkehren und seinen entspannten Zustand wiedererlangen.

Der Patient stellt sich in diesem Verfahren die angstauslösende Situation immer wieder vor (oder wird mit ihr konfrontiert), bis sie keine Angst mehr auslöst, was bedeutet, dass die Therapie erfolgreich war.

Dieser Prozess wird wiederholt, indem alle Situationen in der Angsthierarchie durchgearbeitet werden, bis die Betroffenen die am meisten Angst auslösende Situation erreicht und gemeistert haben.

Ein Beispiel

So könnte ein Spinnenphobiker zum Beispiel eine kleine, unbewegliche Spinne in 5 Metern Entfernung nur als mäßig bedrohlich empfinden, eine große, sich schnell bewegende Spinne in 1 Meter Entfernung jedoch als äußerst bedrohlich.

Der Patient erreicht zunächst einen Zustand tiefer Entspannung und wird dann gebeten, sich die am wenigsten bedrohliche Angstsituation in der Angsthierarchie vorzustellen (oder mit ihr konfrontiert zu werden).

Anwendung

Der Begründer der Systematischen Desensibilisierung Prof. Joseph Wolpe (1964) setzte die Methode im Rahmen der Psychotherapie erfolgreich ein, um einen 18-jährigen Mann mit einem schweren Zwang zum Händewaschen zu behandeln. Die Störung beruhte auf der Angst, andere mit Urin zu verunreinigen.

Nach dem Urinieren fühlte sich der Patient gezwungen, 45 Minuten mit der Reinigung seiner Genitalien, zwei Stunden mit dem Waschen seiner Hände und vier Stunden mit dem Duschen zu verbringen.

Die Behandlung bestand darin, den jungen Mann in einen Entspannungszustand zu versetzen und ihn dann aufzufordern, sich angstarme Szenen vorzustellen (z. B. ein unbekannter Mann, der einen Wassertrog mit einem Tropfen Urin berührt).

Als sich die Angst des Patienten allmählich auflöste, erhöhte J. Wolpe schrittweise die imaginäre Konzentration des Urins.

Außerdem wurde eine echte Urinflasche in einiger Entfernung präsentiert und schrittweise näher an den Patienten herangeführt.

Schließlich konnte Wolpe einen Tropfen verdünnten Urins auf den Handrücken der Patientin auftragen, ohne Angst auszulösen. Eine Nachuntersuchung 4 Jahre später ergab eine vollständige Remission der zwanghaften Verhaltensweisen.

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Kritische Bewertung

Praktische Fragen

Die Tatsache, dass die Technik der systematischen Desensibilisierung in Bildern angewendet werden kann, bedeutet, dass viele der praktischen Nachteile, die mit der Exposition in vivo bei dieser Art von Phobie verbunden sind, beseitigt werden können.

Eine Schwäche der In-vivo-Exposition ist, dass ihre Wirkung von der Fähigkeit des Patienten abhängt, sich die angstbesetzte Situation vorzustellen. Manche Menschen sind nicht in der Lage, sich die Situation lebhaft vorzustellen, und deshalb ist die systematische Desensibilisierung nicht immer wirksam (es gibt individuelle Unterschiede).

Systematische Desensibilisierung ist ein langsamer Prozess, der im Durchschnitt 6-8 Sitzungen dauert. Die Forschung zeigt jedoch, dass die Technik umso effektiver ist, je länger sie dauert.

Der schrittweise Aufbau der systematischen Desensibilisierung ermöglicht es dem Patienten, die Schritte zu kontrollieren, die er machen muss, bis der Einfluss der Angstsituation nachlässt Angst überwunden ist. Dadurch, dass es keine störenden Elemente gibt, ist es weniger wahrscheinlich, dass diese Technik zum Abbruch der Therapie führt.

Theoretische Fragen

Die systematische Desensibilisierung ist sehr effektiv, wenn das Problem eine erlernte Angst vor bestimmten Objekten/Situationen ist, z. B. bei Phobien (McGrath et al., 1990). Bei der Behandlung schwerer psychischer Störungen wie Depressionen und Schizophrenie ist die systematische Desensibilisierung jedoch nicht wirksam.

Studien haben gezeigt, dass weder Entspannung noch Hierarchien notwendig sind und dass es darauf ankommt, sich dem gefürchteten Objekt oder der Situation einfach auszusetzen.

Die systematische Desensibilisierung basiert auf der Vorstellung, dass abnormes Verhalten erlernt wird. Der biologische Ansatz würde dem widersprechen und sagen, dass wir mit einem Verhalten geboren werden und es deshalb medizinisch behandelt werden muss.

Die Methode behandelt die Symptome und nicht die Ursache(n) der Phobie. Die systematische Desensibilisierung behandelt nur die beobachtbaren und messbaren Symptome einer Phobie. Das ist ein großer Schwachpunkt, denn Kognitionen und Emotionen sind oft die Triebfedern des Verhaltens, so dass die Behandlung nur die Symptome und nicht die zugrunde liegenden Ursachen behandelt.

Soziale Phobien und Agoraphobie scheinen sich nicht so stark zu verbessern. Könnte es sein, dass es andere Ursachen für Phobien gibt als die klassische Konditionierung, wie man sie auch von Hunden kennt?

Wenn z. B. die Angst vor öffentlichen Auftritten auf mangelnde soziale Fähigkeiten zurückzuführen ist, dann ist es wahrscheinlicher, dass die Phobie durch eine Behandlung, die das Erlernen effektiver sozialer Fähigkeiten beinhaltet, reduziert wird, als durch systematische Desensibilisierung allein.

Empirische Belege

Lang et al. (1963) setzten die systematische Desensibilisierung bei einer Gruppe von College-Studenten ein, die alle unter einer Schlangenphobie litten. Sie durchliefen 11 Sitzungen, um eine Angsthierarchie durchzuarbeiten. Hypnose wurde eingesetzt, um die Entspannung aufrechtzuerhalten. Die Angstwerte der Studienteilnehmer sanken signifikant und die Verbesserungen waren auch 6 Monate später noch zu erkennen.

Rothbaum et al. (2000) verwendeten systematische Desensibilisierung mit Teilnehmern, die Flugangst hatten. Nach der Behandlung stimmten 93% zu, einen Probeflug zu unternehmen. Es stellte sich heraus, dass die Angstwerte niedriger waren als die einer Kontrollgruppe, die keine systematische Desensibilisierung erhalten hatte, und diese Verbesserung hielt auch nach 6 Monaten an.

Capafons et al. (1998) rekrutierten für eine Medienkampagne in Spanien 41 Personen, die unter Flugangst litten, und behandelten 20 von ihnen mit systematischer Desensibilisierung und hatten 21 Mitglieder einer Kontrollgruppe. Die Behandlungsgruppe erhielt über einen Zeitraum von 12 bis 15 Wochen wöchentlich 2x1 Stunde Unterricht in In-vivo- und In-vitro-Techniken.

Während einer Flugsimulation wurden Selbstberichte und physiologische Messungen der Angst verwendet. Die Ergebnisse zeigten, dass bis auf zwei Ausnahmen alle Teilnehmer der systematischen Desensibilisierung ein geringeres Angstniveau aufwiesen und weniger ängstlich wirkten, während ein Mitglied der Kontrollgruppe Anzeichen einer Verbesserung zeigte. Obwohl die systematische Desensibilisierung wirksam ist, war sie nicht zu 100% wirksam.

Ethische Fragen

Die systematische Desensibilisierung ist eine Behandlungsmethode, die das Gefühl der Selbstkontrolle stärkt; das heißt, der Therapeut schlägt vor, leitet an oder hilft, stellt aber nicht den Kern der Behandlung dar.

Die Gefahr der Abhängigkeit vom Therapeuten oder der Wahrnehmung von Verbesserungen als etwas, das dem Patienten fremd ist, wird bei dieser Technik also minimiert.

Fazit

Die Systemische Desensibilisierung ist eine Methode aus dem Bereich der Verhaltenstherapie, genauer gesagt der Konfrontationstherapie. Mit ihr kann man vor allem Ängste, Phobien und bestimmte Zwänge sehr gut behandeln. Je nach Schwere der Symptomatik kann man mit ca. 6-12 Sitzungen rechnen, bis eine deutliche anhaltende Besserung erreicht ist. 

Quellen

  1.  Lang, P. J., & Lazovik, A. D. (1963). Experimental desensitization of phobia. The Journal of Abnormal and Social Psychology, 66(6), 519.
  2. McGrath, T., Tsui, E., Humphries, S., & Yule, W. (1990). Successful Treatment of a Noise Phobia in a Nine‐year‐old Girl with Systematic Desensitisation in vivo. Educational Psychology, 10(1), 79-83.
  3. Menzies, R. G., & Clarke, J. C. (1993). A comparison of in vivo and vicarious exposure in the treatment of childhood water phobia. Behavior Research and Therapy, 31(1), 9-15.
  4. Rothbaum, B. O., Hodges, L., Smith, S., Lee, J. H., & Price, L. (2000). A controlled study of virtual reality exposure therapy for the fear of flying. Journal of consulting and Clinical Psychology, 68(6), 1020.
  5. Wolpe, J. (1958). Psychotherapy by reciprocal inhibition. Stanford, CA: Stanford University Press.
  6. Wolpe, J. (1964). behavior therapy in complex neurotic states. The British Journal of Psychiatry, 110(464), 28-34.

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Alex pp (FreeCopyrightVideos)
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