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Juli 2, 2021

Neben Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen kommen Antidepressiva auch gegen Schmerzen zum Einsatz. Was steckt wirklich dahinter?

Vielleicht bist Du überrascht, wenn Dein Arzt Dir Antidepressiva gegen Schmerzen verschreibt.

Denkt er womöglich, dass Du depressiv bist?

Oder können Antidepressiva auch bei Menschen ohne jegliche Symptome einer Depression bei Schmerzen helfen?

Schauen wir uns einmal an, was die Forschung über die Rolle verschiedener Klassen von Antidepressiva bei der Schmerztherapie zu sagen hat. Denn beste Antidepressiva gegen Depressionen müssen nicht unbedingt auch die geeignetsten zur Schmerztherapie sein.

Der Zusammenhang zwischen Depressionen und chronischen Schmerzen

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Betroffene mit chronischen Schmerzerkrankungen und -zuständen wie rheumatoider Arthritis, Lupus, Fibromyalgie und neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) oder Polyneuropathie an Depressionen leiden. Denn Patienten mit chronischen körperlichen Problemen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an schweren Depressionen zu erkranken.

Mit anderen Worten: Schmerzen und Depressionen sind häufig Komorbiditäten (gehen also Hand in Hand).

Auf der anderen Seite der Gleichung leidet eine große Anzahl von Betroffenen, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde, auch an chronischen Schmerzen. Die Verbindung zwischen Depression und chronischen Schmerzen besteht also in beide Richtungen (1).

Dadurch schlägt man durch die Therapie mit Antidepressiva quasi zwei Fliegen mit einer Klappe. Hier erfährst Du, woran Du erkennst, wann Antidepressiva wirken.

Das heißt, es ist nicht ungewöhnlich, dass Schmerzpatienten zusätzlich zu herkömmlichen Schmerzmitteln (Antiphlogistika, Antikonvulsiva) Antidepressiva verschrieben bekommen, auch wenn sie keine Symptome einer Depression haben.

Antidepressiva in der Schmerztherapie als Co-Analgetika

Während Antidepressiva in erster Linie verschrieben werden, um die Stimmung von klinisch depressiven Patienten durch die Beeinflussung von Neurotransmittern im Gehirn zu heben, können Antidepressiva auch als Hauptbehandlung für chronische Schmerzen, Angstzustände oder Schlafstörungen verschrieben werden. In folgendem Artikel erfährst Du beispielsweise, wie Antidepressiva speziell gegen Angstzustände wirken.

Wenn sie bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden, dienen diese Substanzen meist als sogenannte Co-Analgetika. Das Wort Co-Analgetika bedeutet, dass sie zusammen mit anderen Schmerzmitteln verschrieben und nicht allein zur Schmerzbehandlung eingesetzt werden (2).

Der genaue Mechanismus, über den Antidepressiva bei der Schmerztherapie wirken, ist weitgehend unbekannt, obwohl es scheint, dass die Art und Weise, wie sie bei chronischen Schmerzen helfen, nicht mit den Mechanismen übereinstimmt, über die sie die Depression lindern.

Es wird allgemein angenommen, dass Antidepressiva eine Wirkung auf die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin haben, insbesondere in den absteigenden spinalen Nerven. Antidepressiva können auch über Histamin-Rezeptoren oder Natriumkanäle auf den Schmerz wirken (2). Offensichtlich wird dadurch die Schmerzempfindung der Schmerzpatienten positiv beeinflusst.

Wissenswertes zur Schmerztherapie

  • In der Schmerztherapie kommen unterschiedliche Schmerzmittel nach einem Stufenplan zum Einsatz: Stufe 1: Nicht-Opioid-Analgetika, Stufe 2: Niederpotente Opioid-Analgetika, Stufe 3: Hochpotente Opioid-Analgetika, Stufe 4: weiterführende invasive Maßnahmen
  • Die Wirkung von Antidepressiva gegen Schmerzen scheint durch eine Beeinflussung der Übertragung der Schmerzreize auf der Ebene des Rückenmarks zu erfolgen (5).
  • Die Wahl der geeigneten Schmerzmittel ist nicht einfach, erfordert einerseits viel Erfahrung bei den Ärzten und viel Geduld beim Patienten, wenn dieser mehrere Schmerzmittel ausprobieren muss.
  • Aus akuten Schmerzen können innerhalb von 3-6 Monaten chronische Schmerzen werden. Das sogenannte Schmerzgedächtnis spielt bei der Entstehung chronischer Schmerzen eine wichtige Rolle. Viele Patienten haben davor Angst und suchen deswegen nach einer Möglichkeit, das Schmerzgedächtnis löschen zu können. Dies zu bewerkstelligen gehört zum Bereich der Schmerztherapie.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin findest Du mehr Information(en).

Verschiedene Arten von Antidepressiva zur Behandlung von chronischen Schmerzen

Welche Antidepressiva helfen bei Schmerzen?

Es gibt verschiedene Klassen bzw. von Antidepressiva, die bei Schmerzkranken eingesetzt werden, und die Art und Weise, wie eine Klasse von Antidepressiva wirkt, kann sich von der einer anderen unterscheiden. Zu den Mittel, die untersucht wurden, gehören:

  • Trizyklische Antidepressiva
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs)
  • Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRIs)
  • Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer (NDRIs)
  • Kombinierte Wiederaufnahmehemmer und Rezeptorblocker
  • Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)

Schauen wir uns jede dieser Klassen mal einzeln an.

Trizyklische Antidepressiva

Die Gruppe der trizyklischen Antidepressiva wurden vor der Entwicklung der SSRIs als Standardbehandlung für Depressionen eingesetzt.

Während solche Arzneimittel heutzutage seltener bei Depressionen eingesetzt werden, sind sie die häufigste Art von Antidepressiva, die bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden. Sie scheinen bei der Behandlung neuropathischer Rückenschmerzen am wirksamsten zu sein, wurden aber bei allen Arten von Schmerzen (z.B. auch Gesichtsschmerz) eingesetzt.

Zu den Mittel, die als trizyklische Antidepressiva eingestuft werden, gehören:

  • Elavil (Amitriptylin)
  • Ascendin (Amoxapin)
  • Anafranil (Clomipramin)
  • Pamelor (Nortriptylin)
  • Norpramin (Desipramin)
  • Tofranil (Imipramin)
  • Vivactil (Protriptylin)
  • Surmontil (Trimipramin)
  • Sinequan (Doxepin)

Wenn trizyklische Antidepressiva (insbesondere Amitriptylin) bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden, werden sie durch Ärzte in der Regel in viel niedrigeren Dosierungen als bei Depressionen verabreicht. Durch die geringere Dosierung führen sie daher normalerweise auch zu weniger Nebenwirkungen. Zu den häufigen Nebenwirkungen zählen verschwommenes Sehen, Gewichtszunahme und Schläfrigkeit (2).

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs)

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) gehören zu den am häufigsten verschriebenen Antidepressiva bei Depressionen und Angstzuständen. Zu den Medikamenten dieser Wirkstoffgruppe gehören:

  • Prozac (Fluoxetin)
  • Lexapro (Escitalopram)
  • Luvox (Fluvoxamin)
  • Celexa (Citalopram)
  • Zoloft (Sertralin)
  • Paxil (Paroxetin)

Wie der Name schon sagt, zielen SSRIs auf den Neurotransmitter (Gehirnchemikalie) Serotonin ab und das Ziel ist, den Serotoninspiegel im Gehirn zu erhöhen. SSRIs sind wirksame Medikamente für viele Patienten und die Nebenwirkungen sind in der Regel eher moderat und erträglicher als die der trizyklischen Antidepressiva.

Studien, die den Einsatz von SSRIs bei chronischen Schmerzen ohne Depressionen untersuchten, zeigen, dass diese Medikamente bei den meisten chronischen Schmerzzuständen eine gewisse Wirkung haben, aber weitere Forschung ist notwendig (2).

Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRIs)

Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs) zielen auf die beiden Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin ab und werden aus diesem Grund als duale Antidepressiva bezeichnet.

Sowohl SSRIs als auch SNRIs können helfen, Schmerzen und Müdigkeit im Zusammenhang mit chronischen Schmerzzuständen oder Fibromyalgie zu kontrollieren, aber SNRIs können in Bezug auf die Schmerztherapie effektiver sein als SSRIs.

Zu den Medikamenten dieser Kategorie gehören:

  • Cymbalta (Duloxetin)
  • Effexor (Venlafaxin)
  • Pristiq (Desvenlafaxin)
  • Savella (Milnacipran)

Cymbalta wurde 2008 von der FDA für die Behandlung von Fibromyalgie und 2010 für die Behandlung von Schmerzen des Bewegungsapparats zugelassen.

Häufige Nebenwirkungen im Zusammenhang mit SNRIs sind Übelkeit, Appetitlosigkeit, Angstzustände, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Müdigkeit. (3)

Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer (NDRIs)

NDRIs sind eine weitere Klasse von Antidepressiva, wobei Bupropion (Wellbutrin oder Zyban) das wichtigste Medikament in dieser Klasse ist.

Häufige Nebenwirkungen sind Unruhe, Übelkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und erhöhter Blutdruck (2)

Kombinierte Wiederaufnahmehemmer und Rezeptorenblocker

Kombinierte Wiederaufnahmehemmer und Rezeptorblocker können bei Depressionen, Schlafstörungen oder chronischen Schmerzen off-label eingesetzt werden:

  • Desyrel (Trazodon)
  • Remeron (Mirtazapin)
  • Serzone (Nefazodon)

Häufige Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, Mundtrockenheit, Übelkeit und Schwindel, und diese Medikamente sollten nicht von Menschen mit einer Vorgeschichte von Leberproblemen verwendet werden (4).

Monoamin-Oxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)

MAO-Hemmer sind ältere Antidepressiva, die aufgrund ihres Nebenwirkungsprofils nicht häufig zur Behandlung von Depressionen oder anderen Erkrankungen eingesetzt werden.

  • Nardil (Phenelzin)
  • Parnate (Tranylcypromin)
  • Marplan (Isocarboxazid)
  • Emsam (Selegilint)

Für Menschen, die diese Medikamente einnehmen, gibt es viele Einschränkungen und es treten häufig schwere Nebenwirkungen auf (4).

Aktuelle Studien zum Einsatz von Antidepressiva bei chronischen Schmerzen

Welche Antidepressiva wirken am besten?

In Forschungsstudien wurde ein Nutzen des Einsatzes von Antidepressiva bei der Behandlung von chronischen Schmerzen bei Erwachsenen festgestellt, insbesondere beim Einsatz von Amitriptylin (2).

Leider gibt es nur sehr wenige Informationen über den Einsatz von Antidepressiva bei nicht krebsbedingten Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen.

Für chronische Schmerzen zugelassene Medikamente vs. Off-Label-Einsatz

Bei der Verwendung von Antidepressiva bei chronischen Schmerzen ist es wichtig, zwischen

  • Schmerzmitteln, die für diese Anwendung zugelassen sind,
  • und solchen, die Off-Label verwendet werden,

zu unterscheiden.

Wenn ein Medikament für eine bestimmte Anwendung zugelassen ist, bedeutet dies, dass die Zulassungsbehörde die Studien überprüft hat und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass das Medikament für diese Anwendung wirksam und relativ sicher sein kann.

Off-Label-Use hingegen bezieht sich auf Arzneimittel, die von der Zulassungsbehörde für einen bestimmten Zustand (hier z. B. Depressionen) zugelassen sind, aber auch für einen anderen Grund (z. B. chronische Schmerzen) verwendet werden können.

Warnhinweis

Der Einsatz von Antidepressiva ist nicht ohne Gefahren. Experten weisen darauf hin, dass Erwachsene und insbesondere Kinder während der ersten Monate der Behandlung oder nach einer Änderung der Medikamentendosierung auf verstärkte Depressionen oder Suizidgedanken bzw. -verhalten beobachtet werden sollten.

Menschen sollten sofort ihren Arzt kontaktieren, wenn sich die Depressionssymptome verschlimmern oder wenn Selbstmordgedanken oder -verhalten zunehmen. Es ist auch wichtig, dass diejenigen, die ein Antidepressivum einnehmen, mit den Risikofaktoren und Warnzeichen für einen möglichen Suizid vertraut sind.

Fazit: Können Antidepressiva bei Schmerzen wirklich helfen?

Antidepressiva können für Menschen, die mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben, auf mehr als eine Weise hilfreich sein.

  1. Viele Menschen, die mit Fibromyalgie oder anderen chronischen Schmerzzuständen leben, leiden auch unter Depressionen.
  2. Einige schmerzlindernde Antidepressiva können jedoch über verschiedene Mechanismen Linderung bei chronischen Schmerzen verschaffen. Das zeigen Studien und Erfahrungen von Schmerzkranken.

Von den verschiedenen Klassen von Antidepressiva sind die trizyklischen Antidepressiva, insbesondere Amitriptylin, am gründlichsten untersucht worden, vor allem für die Behandlung von neuropathischen Schmerzen.

Der Umgang mit chronischen Schmerzen ist schwierig und beeinträchtigt jeden Aspekt unseres Lebens. Eine Kombination verschiedener Schmerzmittel (z. B. ein zusätzliches Antidepressivum) kann sehr hilfreich sein, aber nicht-medikamentöse Behandlungen und Stressbewältigung sind ebenso wichtig.

Quellen

  1.  Ishak WW, Wen RY, Naghdechi L, et al. Pain and Depression: A Systematic Review. Harv Rev Psychiatry. 2018;26(6):352-363. doi:10.1097/HRP.0000000000000198
  2. Sansone RA, Sansone LA. Pain, pain, go away: antidepressants and pain management. Psychiatry (Edgmont). 2008;5(12):16-9.
  3. Obata H. Analgesic Mechanisms of Antidepressants for Neuropathic Pain. Int J Mol Sci. 2017;18(11) doi:10.3390/ijms18112483
  4. Baltenberger EP, Buterbaugh WM, Martin BS, Thomas CJ. Review of antidepressants in the treatment of neuropathic pain. Mental Health Clinician. 2015;5(3):123-133. doi:10.9740/mhc.2015.05.123
  5. https://ruedersdorf.immanuel.de/abteilungen/schmerzzentrum/leistungen/behandlungsmoeglichkeiten/antidepressiva-in-der-schmerztherapie/
  6. https://www.verywellhealth.com/do-antidepressants-help-chronic-pain-patients-189312
Selbstmordgedanken?

Falls du akut Hilfe brauchst: Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222) sind rund um die Uhr für dich erreichbar.

Weitere Hilfsangebote findest du hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/

Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit Frau, Tochter und Hund in der Pfalz. Mehr Infos über mich kannst du hier nachlesen.

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