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Juli 7, 2021

Das Absetzen von Antidepressiva ist kein Zuckerschlecken. Wie lange dauern Absetzsymptome bei Antidepressiva eigentlich und worauf solltest Du noch achten?

Viele Patienten, welche Antidepressiva oder andere Psychopharmaka einnehmen, machen schlechte Erfahrungen beim Absetzen dieser Medikamente. Die Betroffenen berichten von starken Absetzsymptomen bis hin zu Rückfällen in die Depression. Da hat man schnell das Gefühl, die ganze Therapie war für die Katz'.

Leider sind sich viele Ärzte, auch Fachärzte der Psychiatrie, dieser Problematik noch nicht einmal bewusst. Der Patient ist wieder einmal auf sich gestellt und muss sich eigenständig informieren. Genau deswegen habe ich mich entschieden, einen Artikel über die Probleme des Absetzens von Antidepressiva zu schreiben.

In meinem Artikel erfährst Du,

Was sind Antidepressiva und wie wirken sie?

Antidepressiva sind Medikamente, welche stimmungsaufhellend - und zum Teil auch angstlindernd -wirken. Neben Depressionen und Angststörungen kommen sie aber auch bei anderen Erkrankungen, teils im Off-Label-Use, zum Einsatz, zum Beispiel bei Schlafstörungen oder in der Schmerztherapie.

Antidepressiva beeinflussen unseren Gehirn-Stoffwechsel. Sie sorgen dafür, dass sich die Verfügbarkeit bestimmter Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin und/oder Dopamin in unserem Gehirn erhöht. Dadurch, davon gehen zumindest die meisten Forscher aus, soll die positive Wirkung auf psychische Erkrankungen zustande kommen.

Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer und Co.

Es gibt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Klassen an Antidepressiva. Die bekanntesten Klassen (auch Arten oder Gruppen genannt) sind:

  1. MAO-Hemmer (MAO-Inhibitoren)
  2. Trizyklische Antidepressiva
  3. Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI),
  4. Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI)

Heutzutage fällt den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und den Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) die größte Bedeutung zu, d.h. sie werden am häufigsten verschrieben. Die Trizyklischen Antidepressiva und die MAO-Hemmer sind ältere Generationen und werden im Vergleich dazu heutzutage deutlich seltener verschrieben.

Das zur Behandlung von Schlafstörungen bei Ärzten beliebte Mirtazapin gehört zu den tetrazyklischen Antidepressiva, die als Nachfolger der trizyklischen Antidepressiva angesehen werden.

Wertvolle Informationen zur Anwendung von Antidepressiva findest Du in folgendem Buch von Prof. Dr. Tom Bschor: Antidepressiva: Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte

Wirkstoffspiegel steigt zu Beginn der Therapie an

Beim Beginn der medikamentösen Therapie mit Antidepressiva baut sich ein gewisser Wirkstoffspiegel auf. Denn die sogenannte Halbwertszeit von Antidepressiva ist so lange, dass bis zur Einnahme der nächsten Tablette am folgenden Tag ein Großteil der Dosis der vorigen Tablette vom Körper noch nicht komplette abgebaut (verstoffwechselt) wurde.

Während unser Körper versucht, sich an den neuen Wirkstoff zu gewöhnen, steigt als die Menge des Wirkstoffs immer weiter an, bis nach einigen Tagen oder nach 1-2 Wochen der Wirkstoffspiegel konstant ist. In dieser Zeit verspürt der Patient auch die meisten und stärksten Nebenwirkungen. Diese lassen mit der Zeit aber wieder nach, wenn sich der Körper an das Antidepressivum gewöhnt hat.

Spätestens nach 6 Wochen tritt in der Regel auch eine deutliche Verbesserung der depressiven Beschwerden ein. Bis die volle Wirkung eintritt, können aber durchaus mehrere Monate vergehen - auch, weil man erstmal schrittweise die Dosis erhöhen wird.

Was passiert beim Antidepressiva-Entzug?

Man kann sich leicht vorstellen, dass etwas ganz Ähnliches passiert, wenn man nun daran geht, die Antidepressiva wieder abzusetzen:

  1. Der Wirkstoffspiegel fällt, bis er nach einigen Tagen oder Wochen konstant ist.
  2. Der sinkende Wirkstoffspiegel an sich führt schon zu sogenannten Absetzerscheinungen bzw. einem Entzugssyndrom.
  3. Der Neurotransmitter-Haushalt verändert sich, da die Aufnahme gewisser Neurotransmitter nicht mehr (oder weniger stark) gehemmt wird.
  4. Durch die Veränderungen im Neurotransmitter-Haushalt kann es zu weiteren Absetzphänomenen kommen. Leichte depressive Beschwerden können vorübergehend wieder auftreten. Darauf sollte man mental vorbereitet sein. Diese Beschwerden nenn man nicht Absetzsymptome, sondern Rebound-Symptome.
  5. Unser Gehirn und unser Körper gewöhnen sich an den veränderten Spiegel von Wirkstoffen und Neurotransmittern; die Absetzsymptome sowie die Rebound-Symptome verschwinden langsam wieder.
  6. Beim nächsten Reduktionsschritt geht das Spiel wieder von vorne los.

Wie lange bleiben Antidepressiva im Körper?

Wie bereits oben kurz erwähnt. Die relevante Messzahl ist die sogenannte Halbwertszeit von Antidepressiva. Diese liegt zwischen 12 und 72 Stunden, also zwischen einem halben Tag und drei Tagen.

Diese Halbwertszeit gibt an, wie lange der Körper benötigt, die Hälfte des im Blut befindlichen Wirkstoffs abzubauen und auszuscheiden. Das heißt auch: die absolute Menge, die unser Körper abbaut, hängt davon ab, welche Menge im Blut vorhanden ist.

An konkreten Zahlen bedeutet dies:

  1. Bei einer Halbwertszeit von 12 Stunden beträgt der Wirkstoffspiegel nach einem Tag nur noch ein Viertel, nach zwei Tagen nur noch ein Sechzehntel der Anfangsdosis.
  2. Bei einer Halbwertszeit von einem Tag beträgt der Spiegel nach zwei Tagen noch ein Viertel und erst nach vier Tagen ein Sechzehntel.
  3. Usw.

Es kann also - je nach Medikament und dessen Halbwertszeit - durchaus einige Tage bis Wochen dauern, bis das Antidepressivum zum größten Teil aus dem Körper verschwunden ist.

Allerdings ist das auch gar nicht so relevant! Entscheidender ist, wie schnell sich der Körper an die sich verändernde Menge des Wirkstoffs anpassen kann. Das dauert nämlich viel länger als den Wirkstoff lediglich abzubauen.

Antidepressiva vergessen - was tun?

Einfache Frage, einfache Antwort. Wenn Du die Einnahme Deiner Tabletten einmal vergessen hast, dann nimm' sie am nächsten Tag einfach ganz normal weiter - und zwar in der üblichen Dosierung. So, als wäre nichts geschehen. Du solltest also nicht versuchen, die vergessene Menge nachzuholen und die doppelte Menge einzunehmen.

Antidepressiva absetzen: welche Symptome treten auf?

Jetzt haben wir so viel über Absetzsymptome bzw. Entzugssymptome gesprochen, ohne diese genau zu benennen. Das wollen wir jetzt nachholen.

Doch bevor wir dazu kommen, möchte ich noch eine wichtige Unterscheidung zweier Begriffe erklären: und zwar den Unterschied zwischen Absetzsymptomen und Rebound-Symptomen bzw. Rebound-Phänomenen.

Was sind Absetzsymptome?

Absetzsymptome sind vergleichbar mit den Nebenwirkungen, die auch beim Einschleichen der Antidepressiva auftreten. Der Körper muss sich an den sinkenden Blutspiegel des Wirkstoffs gewöhnen.

Zu den häufigsten Absetz-Symptomen gehören (1):

  • Störungen im Magen-Darm-Trakt: Übelkeit und Erbrechen
  • Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
  • grippe-ähnliche Symptome
  • Schlafstörungen, verändertes Träumen, Albträume
  • Sensorische Störungen: z.B. ein Gefühl von Stromschlägen, die durch den Körper gehen

Was ist das Rebound-Phänomen?

Das Rebound-Phänomen ist mit der eigentlichen positiven Wirkung der Antidepressiva auf unsere Psyche vergleichbar - nur im negativen Sinne. So wie sich - nach einer gewissen Dauer - das Antidepressivum positiv/stabilisierend auf die Psyche des Patienten ausgewirkt hat, so wirkt sich das Fehlen des Antidepressivums negativ/destabilisierend auf die Psyche der Betroffenen aus.

Während Absetzsymptome (so wie die Nebenwirkungen) eher von kürzerer Dauer sind, so können Rebound-Effekte länger anhalten - genauso wie es auch länger dauern konnte, bis die (volle) Wirkung der Antidepressiva eingetreten war.

Antidepressiva absetzen: Dauer der Nebenwirkungen ist individuell

Die typische Dauer der Symptome vom Absetzen der Antidepressiva, also die Dauer der Absetzsymptome, liegt bei 2-6 Wochen, ist also auch wieder recht individuell. Die Absetzsymptome setzen meist innerhalb von drei bis sieben Tagen nach Beginn des Absetzens ein.

Beim sogenannten Rebound-Effekt sieht die Sache anders aus. Denn der Rebound-Effekt kann - nach vermeintlich erfolgreichem Absetzen - bis zu 6 Monate lange anhalten. Das bedeutet, dass bis zu sechs Monate lang das Risiko eines Rückfalls in die Depression erhöht ist.

Antidepressiva abrupt absetzen - ist gefährlich

Das ist auch genau der Grund, warum es so wichtig ist, Antidepressiva langsam und schrittweise abzusetzen. Viele Betroffene machen nämlich die folgenden Erfahrungen:

  1. Das Antidepressivum wirkt, es geht einem gut.
  2. Man entscheidet sich, das Antidepressivum abzusetzen.
  3. Man beginnt mit dem ersten Reduktionsschritt, das klappt (scheinbar) gut, denn nach 1-2 Wochen hat man die Absetzsymptome gut überstanden.
  4. Man setzt den Rest der Dosis ab und übersteht die Absetzsymptome jeweils gut.
  5. Doch irgendwann, das kann auch noch nach Monaten sein, schlägt der Rebound-Effekt zu.

Die Lösung: kleine Reduktionsschritte und noch wichtiger: genügend lange Pausen zwischen den Reduktionsschritten. Ich empfehle, zwischen den Reduktionsschritten bis zu mehrere Monate abzuwarten, um beurteilen zu können wie gut man eine Dosisreduktion wirklich verkraftet hat.

Antidepressiva absetzen und wieder nehmen - verlängert den Entzug

Nichts ist ärgerlicher, als wenn man aufgrund eines Rückfalls wieder aufdosieren (sprich: die Dosis erhöhen) muss. Oder noch schlimmer: wenn man mit der Dosis bereits auf Null gewesen ist und die Einnahme der Antidepressiva wieder starten muss. Ich habe selbst einmal den Fehler gemacht, zu schnell abzusetzen. Eine sehr frustrierende Erfahrung, die ich mir lieber erspart hätte. Und die ich meinen Lesern gerne ersparen würde.

Entzugserscheinungen von Antidepressiva lindern

Wie bereits oben erwähnt, ist beim Absetzen von Antidepressiva Vorsicht geboten. Die beste Prävention von Entzugserscheinungen ist ein langsames und schrittweises Ausschleichen mit langen Pausen zwischen den Reduktionsschritten.

Auch hier müssen wir wieder einmal unterscheiden zwischen den Absetzsymptomen und den Rebound-Effekt.

Die Absetzsymptome lassen sich leider nicht vermeiden. Je nach Absetzsymptom kann man aber symptomatisch behandeln. Hier einige Beispiele:

  1. Um Schlafstörungen, die als Absetzsymptom temporär auftreten, zu lindern, kannst Du zu einem Beruhigungsmittel wie beispielsweise Promethazin greifen. Auch pflanzliche Beruhigungsmittel oder pflanzliche Schlafmittel könnten dir helfen.
  2. Bei Magen-Darm-Störungen gibt es auch diverse Mittel aus der Apotheke. Am besten frägst Du direkt beim Apotheker nach, was er empfehlen kann.
  3. Bei Schmerzen wie Kopfschmerzen kannst Du ein Schmerzmittel einnehmen.
  4. Andere Symptome wie z.B. Schwindel sitzt Du am besten aus. D.h. Du wartest, bis sie wieder verschwinden.

Antidepressiva erfolgreich abgesetzt - was tun jetzt?

Deine Dosis ist bei Null angelangt und Du hast auch bereits die erste Phase der Absetzsymptome überstanden? Dann erstmal Herzlichen Glückwunsch! Jetzt geht es nur noch darum, einen Rückfall im Rahmen eines Rebound-Effektes zu vermeiden. Hierzu schlage ich folgende Maßnahmen vor:

  1. Stress vermeiden. Die Zeit nach dem Ausschleichen solltest Du möglich stressfrei gestalten. Sprich Situation, in denen Du schon voraussehen kannst, dass sie ein hohes Stresspotential beinhalten, solltest Du möglichst vermeiden. Plane also besser keinen Umzug in diese Zeit ein; auch Prüfungen sind in dieser Zeit keine Idee. Überlege Dir, ob Du gegebenenfalls mögliche Stresssituationen umplanen kannst - oder ob es günstiger ist, das Ausschleichen des Antidepressivums zu verschieben.
  2. Vielleicht möchtest Du nach dem Ausschleichen der Antidepressiva - zumindest übergangsweise - einen pflanzlichen Stimmungsaufheller einnehmen. Solche natürlichen Stimmungsaufheller sind rezeptfrei erhältlich und die Verwendung solcher natürlichen Mittel kann Dir dabei helfen, diese schwierige Phase nach dem Absetzen zu überstehen und Deine Stimmung zu stabilisieren. In diesem Artikel findest Du einige Vorschläge für wirksame pflanzliche Stimmungsaufheller.
  3. Falls Du Dich in Psychotherapie befindest, solltest Du gerade in dieser Zeit nach dem Absetzen Deine Termine unbedingt regelmäßig wahrnehmen. Die Gespräche mit Deinem Therapeuten sollten sich stabilisierend auswirken.
  4. Mach Dir bewusst, was Dir - neben den Medikamenten - alles geholfen hat, um deine Depression zu überwinden. Vermeide es auch, wieder in alte Muster zurück zu verfallen. Achte stattdessen darauf, deine neue (gesündere) Lebensweise beizubehalten.

Fazit: Keine Angst vorm Absetzen

Hast Du mit Hilfe von Medikamenten und evtl. einer Psychotherapie die Beschwerden Deiner Depression überwunden, kommt irgendwann - nicht ohne vorher mit dem Arzt zu sprechen - die Zeit, in der Du deine Antidepressiva ausschleichen wirst. Genau dann ist Vorsicht geboten.

Denn das Absetzen eines Antidepressivums enthält zwei kritische Phasen mit unterschiedlichen Absetzphänomene(n):

  1. eine relativ kurze Entzugsphase mit Entzugssymptomen
  2. und eine längere Phase, in der sogenannte Rebound-Effekte auftreten können - mit dem erhöhten Risiko eines Rückfalls in die Depression.

Am wichtigsten ist, dass Du Dir dieser Probleme überhaupt bewusst bist. Damit hast Du gegenüber vielen anderen Betroffenen bereits einen großen Wissensvorsprung.

Falls es bei dir soweit sein sollte, dann beachte bitte meine im Artikel genannten Hinweise zur Prävention und Linderung der entsprechenden Beschwerden und Risiken, die beim Absetzen von Antidepressiva auftreten könnten.

Falls Du diese Hinweise berücksichtigst, dann - so bin ich mir sicher - brauchst Du keine Angst vor dem Absetzen zu haben. Und Du hast Du gute Chancen, dass das Absetzen Deiner Antidepressiva von Erfolg gekrönt sein kann. Weitere Informationen zum korrekten Absetzen bzw. Ausschleichen von Antidepressiva findest Du hier.

Selbstmordgedanken?

Falls du akut Hilfe brauchst: Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222) sind rund um die Uhr für dich erreichbar.

Weitere Hilfsangebote findest du hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/

Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit Frau, Tochter und Hund in der Pfalz. Mehr Infos über mich kannst du hier nachlesen.

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