Tavor Abhängigkeit: Wie schnell wird man süchtig?
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So schnell entwickelt sich eine Abhängigkeit von Tavor

Gibt es eine Pille, die alle Ängste und Sorgen nichtig und klein macht?

Jein. Tatsächlich wirkt Tavor bei Angstzuständen ganz hervorragend. Leider ist das nur die eine Seite der Medaille. Tavor gehört zu der Medikamentengruppe Benzodiazepine. Diese Medikamente führen schnell zur Abhängigkeit. Bereits nach der täglichen Einnahme von nur zwei Wochen kann sich eine Sucht ausbilden.

Informiere Dich hier über Benzodiazepine im Allgemeinen und Tavor im Speziellen, Benzodiazepinabhängigkeit und Entzugssymptome.

Benzodiazepine: Pillen fürs Gemüt

Benzodiazepine gehören zu den Medikamenten mit starken Licht- und ebenso starken Schattenseiten. Jeannette Wick, Professorin an der Universität von Connecticut, hat 2013 einen wissenschaftlichen Artikel (1) über die Geschichte der Benzodiazepine verfasst. Darin bezeichnet sie das Verhältnis des US-amerikanischen Gesundheitssystems nach über 50 Jahren Erfahrung mit diesen Medikamenten als Hassliebe.

Am Anfang dominierte die Liebe, da die Schattenseiten sich erst mit der Zeit zeigten. Leo Sternbach, Chefchemiker beim Konzern Hoffmann-La Roche, hatte das erste Benzodiazepin Librium (Chlordiazepoxid) 1955 entdeckt. Noch erfolgreicher als Librium wurde das 1963 vorgestellte Valium (Diazepam) – besungen von den Rolling Stones bereits 1966 als ‚mother’s little helper’. 1977 kam Lorazepam auf den Markt, das in Deutschland als Tavor verkauft wird.

Nach anfänglicher Begeisterung die Ernüchterung

Benzodiazepine waren sofort ein Erfolg, weil sie sicherer zu sein schienen als ihre Vorgänger, die Barbiturate (2). Ärzte verschrieben die Pillen mit Begeisterung. Ebenso groß war die Nachfrage der Patienten. Das große Aufwachen kam in den 80er Jahren. Ärzte und Gesetzgeber wurden auf das Suchtpotential und den Missbrauch von Benzodiazepinen aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt waren Benzodiazepine auf dem Schwarzmarkt bereits als Benzos bekannt. Weil sie so schnell süchtig machen, gibt es jetzt weltweit zahlreiche Leitlinien für den Gebrauch von Benzodiazepinen (3).

Alle Benzodiazepine wirken an Rezeptoren des Neutrotransmitters GABA. Diese Buchstaben stehen für Gamma-aminobutyric Acid, auf Deutsch γ-Aminobuttersäure.  Dabei handelt es sich um den am häufigsten vorkommenden Botenstoff im zentralen Nervensystem. Benzodiazepine hemmen die Aktivität der Nervenzellen durch Hyperpolarisation, eine Senkung des Ruhepotenzials der Zellmembran an den Stellen der GABA-Rezeptoren(4). Benzodiazepine erschwerden es auf diese Weise, Nervenzellen zu aktivieren. Eine umfassend beruhigende Wirkung ist die Folge. Deshalb gehören Benzodiazepine nach wie vor zu den am häufigst verschriebenen Psychopharmaka.

Ingesamt werden weltweit 50 verschiedene Benzodiazepine verkauft. Übrigens wirken manche pflanzliche Mittel auf ähnliche Weise wie die Benzodiazepine. Gingko biloba (5) und Baldrian (6) interagieren mit dem Botenstoff GABA und  beeinflussen die Rezeptoren.

Tavor: Schnell wirkendes Lorazepam

Der Wirkstoff in Tavor und Tavor expidet heißt mit wissenschaftlichem Namen Lorazepam. Im englischsprachigen Raum wird der Wirkstoff als Ativan verkauft. Weil Tavor als Injektion besonders schnell wirkt, wird es in Kliniken besonders gerne zur Ruhigstellung von manischen Patienten benutzt (7). Auch bei der Beruhigung von Patienten vor Operationen oder diagnostischen Eingriffen leistet es gute Dienste (8).

Darüber hinaus wird Tavor bei allen Arten von Schlafstörungen und Angstzuständen nach wie vor gerne verschrieben. Es hat den Vorteil, dass der Körper bis zu 90 Prozent des oral eingenommenen Wirkstoffs verwerten kann (9). Bei einer Statistik aus dem Jahr 2012 (10) über die 15 meist verkauften Tranquillizer liegt Tavor einsam an der Spitze. Auf den Plätzen 5 und 6 folgen zwei weitere Medikamente mit  Lorazepam. Damit dürfte dieses Benzodiazepin auch heute noch der beliebteste und am meisten verschriebene Wirkstoff dieser Medikamentengruppe sein.

Nebenwirkungen von Tavor

Bei niedriger Dosierung und kurzfristiger Einnahme halten sich die Nebenwirkungen von Tavor in der Regel in Grenzen. Neben Schläfrigkeit vermindert Tavor die Reaktionsfähigkeit. Abfall des Blutdrucks, Mundtrockenheit, Konzentrationsstörungen, verringertes Erinnerungsvermögen und Hautreaktionen sind weitere Nebenwirkungen.

Bei langfristiger Einnahme sind die Nebenwirkungen von Tavor weitaus gravierender. Das Medikament scheint sich auf den gesamten Körper negativ auszuwirken (11). Besonders häufig stellen sich rheumatische Krankheitsbilder und Herz-Kreislauf-Krankheiten bei jahrelangem Gebrauch ein.

Abhängigkeit: Weit verbreitete Sucht

Mother’s little Helper fanden in den 60er Jahren rasch den Weg auf den Schwarzmarkt. Die sogenannten Hippies waren ungemein experimentierfreudig und liebten es, die Funktion ihrer Nervenzellen mit allen möglichen Substanzen zu verändern. Allerdings hat der typische Tavor-Abhängige mit der Suche nach Bewusstseinserweiterung eher wenig zu tun.

Benzodiazepinabhängigkeit ist vor allem die Folge der Einnahme geringer Dosen, die bei psychischen Problemen helfen (12). Die Sucht entsteht also nicht auf der Suche nach einem Rauschzustand. Die Suchtgefahr betrifft vor allem Menschen, die Tavor zu lange zum Einschlafen nehmen oder als beruhigende Arznei bei Anstzuständen.

Millionenfach: Benzodiazepine auf Rezept

Wie viele Menschen in Deutschland von Benzodiazepinen und Tavor abhängig sind, ist ungewiss. Schätzungen reichen von etwas über 100.000 bis zu 1,6 Millionen (13). Weil die Suchtgefahr bekannt ist, dürfen Benzodiazepine nur zwischen zwei und vier Wochen lang verschrieben werden. Doch noch im Jahr 2015 schrieb das deutsche Ärzteblatt, dass Ärzte hierzulande 230 Millionen Tagesdosen pro Jahr verschreiben – und das ist nur die Menge, die gesetzliche Krankenversicherungen zahlen müssen.

Diese Zahl ist angeblich leicht rückläufig. Allerdings werden fast die Hälfte aller verschriebenen Benzodiazepine mit Privatrezepten verordnet. Die Zahl der offiziell verschriebenen Tagesdosen von Benzodiazepinen dürfte deshalb rund 460 Millionen jährlich betragen.

Diese Zahlen zeigen mir, dass deutsche Ärzte diese Medikamente trotz offensichtlicher Abhängigkeit ihrer Patienten verschreiben. Das tatsächliche Ausmaß der Benzodiazepinabhängigkeit dürfte hierzulande weitaus größer sein als die offiziellen Zahlen von Statistiken. Eine der häufigsten Suchanfragen bei Google lautet: Tavor rezeptfrei oder: Tavor ohne Rezept.

Fachleute unterscheiden bei der Benzodiazepinabhängigkeit zwischen drei verschiedenen Formen (12):

  1. Primäre Hochdosisabhängigkeit: Hier muss die Dosis ständig erhöht werden. Die Sucht führt mit der Zeit zu Persönlichkeitsveränderungen. Schwere Entzugssymptome treten auf, die monatelang anhalten können.
  2. Primäre Niederdosisabhängigkeit: Die meisten Abhängigen von Tavor und anderen Benzodiazepinen nehmen über eine längere Zeit täglich eine geringe Dosis zu sich. Entzugserscheinungen machen sich erst bemerkbar, wenn das Medikament abgesetzt wird.
  3. Sekundäre Benzodiazepinabhängigkeit: Benzodiazepine werden häufig Alkoholikern verschrieben, um den Entzug von Alkohol zu erleichtern (13). Im Rahmen dieser Behandlung kann sich eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen bilden.

Wie lange kann man Tavor nehmen, ohne abhängig zu werden?

Macht Tavor süchtig? Ja. Alle Benzodiazepine führen relativ schnell zur Abhängigkeit (15). Hier stellt sich die Frage: Wie schnell wirst Du süchtig? Die Antwort hängt unter anderem von der Dosis ab. Außerdem funktioniert jeder Stoffwechsel unterschiedlich. Manche Menschen werden schneller süchtig als andere.

Falls Du eine Abhängigkeit unter allen Umständen vermeiden willst, nimmst Du Tavor auf keinen Fall täglich ein.

In der Regel stellt sich die Abhängigkeit nach zwei Wochen ein. Manchmal können auch vier Wochen vergehen, bis der Patient süchtig ist. Wie bereits betont: Jeder Körper reagiert ein bisschen verschieden, deshalb lassen sich hier kaum allgemein gültige Aussagen treffen.

Auf jeden Fall empfehle ich Dir, Tavor als Notfallmedikament zu betrachten – etwa bei einer akuten Panikattacke, bei einer Reise, um Flugangst zu bekämpfen oder gelegentlich bei einer Schlafstörung. Zum Einschlafen gibt es aber auch genügend pflanzliche Schlafmittel. Sie wirken vielleicht nicht ganz so gut, sind aber ungefährlich.

Entzugserscheinungen bei Abhängigkeit

Manchen Abhängigen ist klar, dass sie süchtig sind. Oft macht sich die Abhängigkeit jedoch erst bemerkbar, wenn Entzugserscheinungen eintreten. Du nimmst regelmäßig eine kleine Dosis Tavor zum Einschlafen? Auch 0,2 mg können bei ständiger Einnahme zur Sucht führen.

Typische Entzugserscheinungen von Tavor sind:

  1. Schlaflosigkeit
  2. Verdauungsbeschwerden
  3. Kopfschmerzen
  4. Muskelschwäche
  5. Schwitzen und Schüttelfrost
  6. Gleichgewichtsstörungen und Schwindel
  7. Zittern

Die Stärke der Entzugserscheinungen hängt von der Dosis, dem Alter und der Dauer der Einnahme ab. Wird Tavor schlagartig abgesetzt, können sich dramatische Entzugserscheinungen bis hin zu Halluzinationen und Selbstmordimpulsen einstellen. Wurde Tavor für eine Angststörung eingenommen, können die Symptome besonders schlimm sein. Im Extremfall kann sich eine Entzugspsychose mit Verfolgungswahn, Delirium und Krampfanfällen entwickeln (16).

Test für Tavor Abhängigkeit: Ist man süchtig?

Folgende Fragen verschaffen Dir einen Überblick, ob Du von Tavor abhängig bist.

1. Weißt Du genau, wo Du Tavor in den kommenden Wochen und Monaten bekommen kannst?

2. Verspürst Du unangenehme Nebenwirkungen, nimmst Dein Tavor aber trotzdem?

3. Hast Du manchmal das Verlangen, Tavor frühzeitig einzunehmen?

4. Stellen sich beklemmende Gefühle ein, wenn Du die Dosis verringerst?

5. Musst Du Tavor immer bei Dir haben, wenn Du länger unterwegs bist oder verreist?

Entzug von Tavor: Ausschleichen

Das abrupte Absetzen von Tavor auf eigene Faust ist ein gefährliches Unterfangen. Es kann extreme Entzugserscheinungen hervorrufen. Wenn Du von Tavor oder anderen Benzodiazepinen abhängig bist, solltest Du Dich an Deinen Arzt wenden.

Er kann einen Plan für das Ausschleichen entwerfen. Darunter versteht man das allmähliche Verringern der Dosis. Dabei wird der Wirkstoff Lorazepam häufig mit Oxazepam und Diazepam ersetzt. Eine gleichzeitige Psychotherapie erhöht die Erfolgschancen des Entzugs (17). Körperliche Bewegung und Sport unterstützt den Prozess ebenfalls.

Der Entzug kann ambulant oder in einer Klinik erfolgen. In einer spezialisierten Klinik dauert der gesamte Prozess zwischen drei und sechs Wochen (18). Das bedeutet nicht, dass die Abhängigkeit dann komplett überwunden ist. Sucht ist ein Problem, das Dich in der Regel ein Leben lang begleitet.

Fazit: Tavor Abhängigkeit überwinden

Tavor ist eine Pille, die ganz harmlos aussieht. Doch das Aussehen sollte Dich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Lorazepam wie bei anderen Benzodiazepinen um starke Drogen handelt. Bei täglicher Einnahme führt Tavor bereits nach zwei Wochen in die Abhängigkeit – selbst wenn Du nur niedrige Dosen nimmst.

Ich empfehle Dir deshalb, Tavor nur als Notfallmedikament zu gebrauchen. Du kannst es gelegentlich bei schweren Panikattacken verwenden. Auch andere Angstzustände lassen sich damit gut lindern, zum Beispiel Flugangst. Als tägliche Einschlafhilfe eignet sich Tavor jedoch keineswegs. Dafür gibt es pflanzliche Alternativen, die ungefährlich sind.

Quellenverzeichnis:


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