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Juli 1, 2021

Antidepressiva ohne Nebenwirkungen... gibt es nicht. Es ist in der Praxis einfach so, dass Du das richtige Medikament finden musst, das zu dir passt. Aber wie?

Antidepressiva ohne Nebenwirkungen gibt es - leider - nicht. Das beste Antidepressiva - eigentlich Antidepressivum, wie es korrekt heißt - ist das, welches am besten zu Dir passt und welches Du am besten verträgst. Also das Antidepressivum, welches bei dir möglichst wenig Nebenwirkungen hervorruft und das gleichzeitig wirksam gegen deine Depression und sonstige Beschwerden ist.

Und das wiederum ist bei den Betroffenen sehr individuell.

Dennoch kannst Du einiges tun, um die Nachteile deines Antidepressivums in Form von Nebenwirkungen relativ gering zu halten.

In diesem Artikel erfährst Du,

  • welche moderne Antidepressiva tendenziell am besten verträglich sind,
  • welchen Nebenwirkungen bei Antidepressiva typischerweise vorkommen,
  • wie lange sie anhalten und wann sie besser werden,
  • wann es Zeit ist, auf ein anderes Antidepressivum wechseln
  • und Tipps, wie Du Nebenwirkungen möglichst gering hältst.

Bist Du Dir nicht sicher, ob bei dir bestimmte Beschwerden von den Antidepressiva kommen, dann schau mal in dieser Liste mit Antidepressiva-Nebenwirkungen nach.

Moderne Antidepressiva

Antidepressiva sind Medikamente und zählen zur Medikamentengruppe der sogenannten Psychopharmaka. Sie kommen in erster Linie zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen zum Einsatz, aber auch in der Psychosomatik, wenn man die Ursache körperlicher Beschwerden in der Psyche vermutet. Idealerweise wird die Therapie mit Antidepressiva mit einer Psychotherapie kombiniert.

Bei Kindern und Jugendlichen

In schweren Fällen von Depressionen (Major Depression) bekommen sogar Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Antidepressiva als Arzneimittel verschrieben.

Andere Psychopharmaka

Bei anderen Erkrankungen wie Schizophrenie, Psychose oder Bipolarer Störung kommen in der Psychiatrie meist (zusätzlich) andere Psychopharmaka zum Einsatz wie beispielsweise Neuroleptika, Antipsychotika oder Lithium. Lithium wird hauptsächlich als sogenannter Stimmungsstabilisator bei Menschen mit Bipolarer Störung eingesetzt.

Einteilung der Antidepressiva in unterschiedliche Arten

Es gibt eine ganze Reihe an unterschiedlichen Klassen an Antidepressiva. Je nach Wirkmechanismen und chemischen bzw. pharmakologischen Eigenschaften der Wirkstoffe teilt man jedes Antidepressivum einer solchen Klasse zu.

Im Großen und Ganzen verhalten sich Antidepressiva der gleichen Klasse recht ähnlich, was Wirkung, Nebenwirkungsprofil und Einsatzgebiet anbetrifft. Dennoch gibt es Unterschiede im Detail und wie der jeweilige Körper - bzw. das Gehirn - des Patienten auf die Einnahme reagiert.

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Co

Zu den bekanntesten Klassen zählen:

  1. MAO-Hemmer (Monoaminooxidase-Hemmer): Tranylcypromin, Selegilin, Rasagilin, Moclobemid
  2. Trizyklische Antidepressiva (Trizyklika): z.B. Amitriptylin, Trimipramin, Doxepin
  3. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): Escitalopram und Citalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin
  4. Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI): Duloxetin, Venlafaxin

Da unterschiedliche Antidepressiva-Klassen zu unterschiedlichen Zeiten entdeckt bzw. entwickelt wurde, spricht man auch von einer Generation, z.B. der dritten Generation von Antidepressiva.

Die neueste Generation moderner Antidepressiva sind die SSRIs und SNRIs. Diese haben nach Ansicht von Experten die beste Verträglichkeit.

Unterschiedliche Wirkprofile und Einsatzgebiete

Während den Wirkstoffen aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin eine eher beruhigende Wirkung nachgesagt wird, sind Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRIs) eher antriebssteigernd.

Manche Antidepressiva wie Mirtazapin werden auch hauptsächlich zur Behandlung von Schlafstörungen verschrieben.

So hat jedes Antidepressivum im Vergleich zu den anderen sein eigenes Wirkprofil; seine eigenen Vorteile und Nachteile.

Und ja, bei Antidepressiva ist es nicht anders als bei anderen Medikamenten. Es gibt Nebenwirkungen und bei Antidepressiva sind die - anfangs - leider eher die Regel als die Ausnahme.

Welches Antidepressivum für mich?

Normalerweise wird sich dein Psychiater anhand der Symptome, welche Du ihm schilderst, für ein Antidepressivum entscheiden und dir das entsprechende Rezept ausstellen.

  • Stehen bei dir eher Symptome wie Unruhe, Nervosität und Schlafstörungen im Vordergrund, wird er sich eher für ein beruhigendes Antidepressivum entscheiden.
  • Leidest Du unter vermindertem Antrieb, wird er möglicherweise an ein antriebssteigerndes SSRI als ein Antidepressiva gegen Antriebslosigkeit denken.
  • Manche Antidepressiva wie Venlafaxin oder Duloxetin eignen sich auch besonders gut bei Angstzuständen und Panikattacken.

Keine Garantie

Beachte jedoch, dass das nur eine Vorwahl ist. Der Psychiater wählt das Medikament, von dem er vermutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es gegen deine Depression oder deine psychische Erkrankung wirkt, am höchsten ist.

Dein Facharzt kann leider nicht vorhersagen,

  • wie gut die Behandlung mit dem Antidepressivum tatsächlich greift bzw. wirkt,
  • wie gut Du das Antidepressivum verträgst, also wie stark Deine Nebenwirkungen sein werden.

Um diese beiden Fragen zu beantworten, hilft leider nur der Praxis-Test und das ist Abwarten - sowohl für den Patienten als auch für den Arzt.

Eine gewisse Unklarheit gibt es übrigens auch bei der Frage nach den Langzeitfolgen von Antidepressiva

Bis zu 6 Wochen Praxis-Test

In der Praxis warten Experten in der Psychiatrie und Neurologie bis zu sechs Wochen, bis ein positiver Effekt bezüglich der Stimmung eintritt und bevor sie eine abschließende Beurteilung bezüglich der Wirksamkeit fällen.

Wie gesagt sind typischerweise die Nebenwirkungen in den ersten Wochen am schlimmsten. Wenn es allerdings zu schlimm und kaum auszuhalten ist oder wenn sich deine Depression oder andere Symptome durch die Einnahme gar verschlechtern, solltest Du auf keinen Fall zögern, dies deinem Arzt unverzüglich mitzuteilen, so dass Du evtl. vorzeitig das Medikament absetzen auf ein anderes für Dich verträglicheres Medikament umsteigen kannst.

Weitere Informationen zu Antidepressiva und aktueller Studienlage findest Du hier.

Die richtige Anfangsdosis

Typischerweise verschreiben Ärzte als Anfangsdosis meist eine Dosierung, die einer halben Tablette entspricht - schon rein aus pragmatischen Gründen. Du wirst es schon ahnen: für manche Patienten ist selbst diese Startdosis schon zu stark. Das kann mehrere Gründe haben:

  • Die Verstoffwechselung in der Leber ist sehr individuell und hängt von der Ausprägung bestimmter Leberenzyme ab. Das bedeutet, manche Menschen bauen den Wirkstoff sehr schnell ab, so dass sich der Spiegel relativ langsam aufbaut. Bei anderen Patienten ist es gerade umgekehrt. Sie verstoffwechseln den Wirkstoff langsam, so dass sich der Spiegel im Blut schnell aufbaut. Letzteres bedeutet, unser Körper incl. Gehirn hat weniger Zeit, sich an den schnell steigenden Wirkstoffspiegel anzupassen. Die Gefahr für stärkere Nebenwirkungen steigt.
  • Unterschiedliches Körpergewicht: schein logisch, dass eine zierliche Frau mit 50 kg eine geringere Dosis benötigt als ein 120 Kilo Muskelmann.
  • Manche Menschen reagieren einfach empfindlicher auf Medikamente

Eine Kombination mehrerer Gründe kann dann dazu führen, dass manche Patienten eine sehr geringe Startdosis benötigen.

Manche Antidepressiva wie Escitalopram sind zum Einschleichen deswegen auch als Tropfenform erhältlich. Das ist dann natürlich ideal - sowohl zum Einschleichen als auch zum Ausschleichen. Starte also lieber mit einer zu geringen Dosis und steigere als direkt mit einer zu hohen Dosis zu beginnen. Spreche denen Arzt darauf an, ob dein Medikament in Tropfenform erhältlich ist. Falls nicht, kannst Du die Tabletten auch nochmals mit einem Rasiermesser in kleinere Stücke teilen.

Wissenswertes zu Depressionen

Depressionen werden immer häufiger. Der Grund ist v.a. in unserem ungesunden stressigen Alltag begründet, denn Stress verursacht Depressionen (1).

In Deutschland erkranken ca. 5,3 Millionen Menschen im Laufe eines Jahres an einer Depression (2). Das sind 8,2% der Bevölkerung, wobei mehr Frauen als Männer betroffen sind. Andere psychische Störungen wie Angststörungen oder Suchterkrankungen sind hierbei noch gar nicht eingerechnet.

Was sind die häufigsten Nebenwirkungen?

Bei der Behandlung mit Antidepressiva sind die Nebenwirkungen in Phase 1 der Therapie, sprich in den ersten Wochen, am stärksten.

Anfängliche Nebenwirkungen

Folgende Nebenwirkungen können auftreten:

  • Mundtrockenheit:
  • Müdigkeit und Erschöpfung: kann sehr belastend sein
  • Stimmungsschwankungen: insbesondere bei Jugendlichen verstärkte Suizidgefahr
  • Schwindel
  • Magen-Darm-Verstimmungen

Die allermeisten Nebenwirkungen verbessern sich im Verlauf der Therapie, doch einige Nebenwirkungen wie beispielsweise Erektionsstörungen oder Verlust der Libido, halten auch an. Lies' hierzu auch meinen Artikel Libidoverlust durch Antidepressiva - bei Frauen und bei Männern.

Längerfristige Nebenwirkungen

Bei der Langzeitbehandlung stehen meist andere Nebenwirkungen im Vordergrund, die sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisieren:

  • Gewichtszunahme
  • Herzerkrankungen (z.B. Verlängerung des QT-Intervalls): deswegen bei einigen Antidepressiva regelmäßig EKG durchführen lassen
  • erhöhte Leberwerte: deswegen immer regelmäßig Leberwerte checken

Fazit

Antidepressiva ohne Nebenwirkung gibt es leider nicht. Aber durch Ausprobieren mit einer geringen Startdosis kannst Du mögliche Nebenwirkungen ziemlich gut in Schach halten.

Das Ziel sollte sein, dass Du ein Medikament findest, welches einerseits gut gegen deine Erkrankung wirksam ist und welches Du auch gut verträgst.

Genauso wichtig wie das richtige Medikament zu finden, mit einer geringen Dosis zu starten und langsam die Dosis zu steigern ist auch das Ende der Therapie. Nämlich dann, wenn es um das Absetzen geht. Hierbei sollte das Absetzen vielmehr einem Ausschleichen ähneln, sprich es sollte langsam und schrittweise erfolgen, um Rückfällen so gut wie möglich vorzubeugen. So gelingt die Rückkehr ins Leben ohne Antidepressiva am besten.

Selbstmordgedanken?

Falls du akut Hilfe brauchst: Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222) sind rund um die Uhr für dich erreichbar.

Weitere Hilfsangebote findest du hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/

Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit Frau, Tochter und Hund in der Pfalz. Mehr Infos über mich kannst du hier nachlesen.

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